Gertrud Scherf: Schlehenzeit

Schlehenzeit

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Ich hatte den Rest des Schlehenlikörs getrunken, nur noch ein halbes Likörgläschen voll. Eigentlich mochte ich jetzt am Nachmittag nichts Alkoholisches, aber wenn ich später neuen Likör ansetzen würde, sollte vom vorjährigen – er war gut geworden – nichts mehr im Haus sein. Auch in diesem Jahr, so hatte ich mir vorgenommen, würde ich Schlehen sammeln und verarbeiten und mir selbst, wieder einmal, zeigen, dass ich trotz der Trennung von Stefan weiterleben konnte wie zuvor.
Ich zog ein langärmeliges T-Shirt, die alte Jacke, modisch nicht mehr aktuelle Jeans aus festem Baumwollstoff sowie meine Gummistiefel an, nahm die Gartenhandschuhe und den Sammeleimer. Es war ein windstiller Nachmittag Ende Oktober mit einem bedeckten Himmel, durch dessen dünne Wolkenschicht bisweilen die fahle Sonne leuchtete. Ich ging den von Schafgarben und Leinkraut gesäumten Weg am Dorfrand entlang und dann auf dem schmalen Pfad zwischen Acker und Wiese hinunter zur Schlehenhecke. Dort war es warm und still; ein Rotkehlchen stimmte seinen Herbstgesang an.
Aus der schwarzgrauen Hecke leuchtete ein weißer Zweig: Schlehenblüten saßen auf ihm, dicht gedrängt und von Bienen umschwirrt. Die Blüten verströmten zarten, kaum wahrnehmbaren Duft, und einen Augenblick lang schien es mir Frühling zu sein.
Ich zog die Jacke aus und legte sie auf einen Stein hinter der Hecke. Die Sträucher hatten bereits einen großen Teil ihrer Blätter verloren und an den Zweigen waren die kugeligen dunkelblauen Schlehen gegen den milchigen Himmel gut zu sehen. In diesem Jahr trug die lange Hecke viele Früchte, sodass ich die Wildtiere nicht nennenswert berauben würde. Eine Schlehe nach der anderen pflückte ich von den Zweigen, durch Handschuhe und lange Ärmel vor den spitzen Dornen geschützt, und spürte, wie ein wenig Wärme von der Haut ins Innere drang.
Plötzlich schreckte ich auf. Ein Düsenjäger raste auf einem der verhassten Übungsflüge durch das Tal. Der Lärm tat weh, ich legte die Hände auf die Ohren, nachdem ich den Eimer abgestellt hatte. Als ich ihn wieder aufnahm, sah ich am östlichen Ende der langen Hecke einen Mann eine Frau umarmen. Ein Liebespaar, dachte ich, das die milde Herbststimmung nach vielen regenkalten Tagen in die Natur gelockt hat. Aber etwas stimmte nicht, denn die Frau schien sich heftig zu wehren. Ich sah ihren zum Schreien geöffneten Mund, aus dem jedoch kein Ton kam. Hektisch kramte ich im Rucksack nach dem Handy, ging dabei rufend auf die beiden zu – da sah ich ihre Kleidung: Der Mann trug hohe Stulpenstiefel, gelb-schwarz gestreifte Knie-Pluderhosen und ein gelbes weites Oberteil mit üppigen Schlitzärmeln. Der breitkrempige Hut mit einem aberwitzigen Federschmuck lag neben ihm, er war ihm wohl vom Kopf gefallen. Die Frau schien sehr jung. Sie trug ein dunkles, ärmlich wirkendes Gewand, einen langen Rock und eine gestrickte Jacke; Haube und umgestürzter Sammeleimer lagen im Gras. Jenseits der Hecke, dort, wo das Dorf liegt, stieg Rauch auf. Über die Schlehensträucher ragten Kirchendach und Kirchturm – wie immer von dieser Stelle aus zu sehen. Aber das war nicht der Turm mit der Zwiebelhaube, sondern ein wuchtiger, von einem Satteldach gekrönter Ziegelbau. Ein kalter Wind wehte, trieb Blätter über Weg und Wiese. Völlig lautlos näherten sich von Westen her drei Reiter dem anderen Ende der Hecke. Die mächtigen Federbüsche auf ihren Hüten wippten, riesige Gewehre lagen auf den Schultern. Die Gruppe wirkte trotz oder gerade wegen des völligen Stillschweigens – kein Hufgetrappel, keine Stimmen – so bedrohlich, dass ich mich in die dornige Schlehenhecke stürzte. Die Drei in ihrem seltsamen Aufzug ritten still und stumm an mir vorüber und ich schaute ihnen nach, weil ich hoffte, dass ihr Erscheinen der Bedrängnis der jungen Frau ein Ende bereiten würde. Ich kroch aus der Hecke, um mich der Hilfe der Reiter zu vergewissern. Mein Handy hatte ich nicht gefunden, es wohl wieder einmal daheim vergessen.
Anstelle des Weges zog sich, einige Meter nach Süden versetzt, eine von Löchern durchzogene Asphaltstraße von Ost nach West dahin. Ich schaute zu der jungen Frau und dem Gewalttätigen, aber beide waren verschwunden. Dort, wo sie miteinander gerungen hatten, stand eine drei oder vier Meter lange Schlehenhecke, die übrige Hecke gab es nicht mehr. Statt der baumumsäumten Wiese, die sich zwischen Hecke und Dorfrand erstreckt, sah ich eine Wohnsiedlung. Zwischen den Einfamilienhäusern krümmten sich Straßen und trennten baumlose Gärten voneinander. Die vermutlich als Rasen angelegten Flächen vor und zwischen den Häusern zeigten sich als Wiesen mit hohen Gräsern und verblühten Kräutern, dazwischen wuchsen Gehölze auf. Brennnessel, Berufkraut, Schafgarbe, Knöterich waren in die sicher einst von solchen Gewächsen frei gehaltenen Grundstücke eingezogen. An manchen Gartenmöbeln und Kinderschaukeln rankten sich Winden und Hopfen empor. Zerbrochene Fensterscheiben, von Herbstblättern übersäte Terrassen, als einziger sichtbarer Bewohner ein zum Skelett abgemagerter Hund, der vor einer Haustür lag und an etwas nagte. Am Kirchendach fehlten Ziegel.
Lautlos näherten sich ein junger Mann und ein Mädchen – jedes trug einen Eimer – der Rest-Schlehenhecke. Obwohl sie miteinander zu sprechen schienen, hörte ich keinen Ton.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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