Gertrud Scherf: Perchtentanz

Perchtentanz

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Nein, ich beruhige mich nicht. Das täten Sie an meiner Stelle auch nicht. Die Sache ist höchst beunruhigend. Ich mache mir ja solche Vorwürfe. Ich hätte sie nicht überreden dürfen. Oder ich hätte sie deutlicher warnen müssen.
— Gut, ich versuche, nochmal alles von Anfang an zu erzählen.
In der Zeitung hatte ich gelesen, dass in diesem Jahr am 5. Januar auf dem Marktplatz ein Perchtenlauf stattfindet. Jetzt muss ich kurz ausholen, damit Sie wissen, wovon ich rede. Die Zeit zwischen dem Thomastag, also dem 21. Dezember, und Dreikönig ist die Zeit der Raunächte. Besondere Raunächte sind die Weihnachtsnacht, die Neujahrsnacht und eben die Nacht vor dem 6. Januar. Also, in diesen Nächten hat man geräuchert, um die bösen Geister zu vertreiben, aber vielleicht kommt der Name auch von Rauch, in der alten Bedeutung von Fell. In den Raunächten sind nämlich tiergestaltige oder Tier-Mensch-gestaltige Geister unterwegs – so der Volksglaube. Auch die Perchten gehören dazu. Es sind ursprünglich Fruchtbarkeitsgeister, wurden aber dann in christlicher Zeit immer mehr zu Schreckgestalten. Das hört sich jetzt für Sie vielleicht nach Volkskunde-Vorlesung an, aber ich glaube, die Informationen sind wichtig.
Jedenfalls, als ich vor ein paar Tagen mit Angela beim Abendessen saß, erzählte ich ihr von der Veranstaltung und machte den Vorschlag, am Samstagabend gemeinsam hinzugehen. Natürlich wusste ich, dass meine liebe Freundin für Volksglauben und Brauchtum, egal ob christlich oder heidnisch, wenig übrig hat. Sie ist halt durch und durch Naturwissenschaftlerin und lehnt es ab, sich mit solch esoterischem Zeug, wie sie es nennt, zu befassen. Ich erkläre ihr immer wieder, dass Volksglaube nichts mit Esoterik zu tun hat und dass es doch gut und richtig ist, wenn man in jüngster Zeit beginnt, sich wieder ein wenig mit den eigenen Wurzeln zu befassen.
An diesem Abend wollte sie mir wohl eine Freude machen, denn sie sagte nach kurzer Diskussion: „Meinetwegen, geh ich halt mit. Vielleicht wird es ja ganz lustig.“
Ich deutete ihr Entgegenkommen als immerhin schwaches Interesse. Deshalb erzählte ihr von den Raunächten, stellte Frau Percht vor, die Anführerin der wilden Gesellen, dazu auch Luzia, Frau Holle und andere mythische Gestalten der Mittwinterzeit, schilderte sie als Wesen, die ambivalent sind im Charakter, furchterregend und zugleich segenbringend, freundlich und bösartig, hilfreich und rachsüchtig, eben wie die meisten Dämonen im Volksglauben. — Ja, Sie haben recht, von diesen Dingen wissen die meisten Menschen heute nichts mehr – ist aber ein Fehler.
Angela hielt ihr Versprechen und so spazierten wir beide gestern Abend zum Marktplatz. Es dämmerte. In der kalten und klaren Luft wehte mich auf einmal ein eigenartiger Duft an: blumig-süß und zugleich etwas aashaft, ähnlich wie im späten Frühjahr die Weißdornblüten. Rasch war er wieder verschwunden und Angela schien gar nichts bemerkt zu haben – aber das gehört jetzt wohl nicht hierher? — Gut, wenn Sie meinen, erzähle ich alles, was mir zum gestrigen Abend einfällt.
Unterwegs berichtete ich Angela, was ich in der Zeitung gelesen hatte: dass es den Perchtenlauf hier im Markt erst seit einigen Jahren gibt, dass nicht sicher ist, ob er in früherer Zeit wirklich zum regionalen Brauchtum gehört hat. Das hat er übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit nicht; heute finden in vielen Orten Perchtenläufe statt, obwohl es sie dort nie gegeben hat. Schon als wir uns dem Marktplatz näherten, hörten wir Musik, Rufen, Schreien, schrilles Kreischen, Klatschen – wie es halt ist, wenn viele Menschen in angeregter Stimmung beisammen sind.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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