Patricia Koelle: Wo der Himmel wuchs

Wo der Himmel wuchs

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne„Heute kommt uns die Butterkeksoma nicht abholen“, hatte Wolfgang gesagt, damals, an irgendeinem jener langen Sommertage, als wir beide sechs waren und in derselben Klasse. Der kleine Wolfgang, der jeden so gefährlich treffend zeichnen konnte, und der ständig seine winzige Brille von der sommersprossigen Nase nahm, unterwegs irgendwo hinlegte und dort vergaß. „Sie ist jetzt im Himmel.“
Unwillkürlich sah ich nach oben, wo zwei Flugzeuge weiße Linien zeichneten wie die in meinem ungeliebten ersten Schreibheft. „Wie, im Himmel? Ist sie verreist?“
„Sie ist tot“, sagte Wolfgang seelenruhig, putzte seine Brille mit dem Ärmel, klappte sie sorgfältig zusammen und legte sie auf dem Zaun ab. „Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen, und jetzt ist sie im Himmel.“
Die Butterkeksoma war Wolfgangs Oma. Sie holte uns beide ab, weil mein Zuhause auf Wolfgangs Weg lag, und immer wenn sie uns zur Begrüßung umarmt hatte, zog sie mich spielerisch am Zopf, gab Wolfgang einen zärtlichen Klaps und dann bekamen wir einen Keks in die Hand gedrückt. Ich begriff dunkel, dass sie dies nun wohl nie wieder tun würde. Gab es im Himmel überhaupt Butterkekse?
„Stimmt es, dass man in den Himmel kommt, wenn man tot ist?“, fragte ich zuhause meine Mutter.
„Wer weiß“, sagte Mutter. „Lass deine Schuhe bitte nicht wieder im Flur liegen!“
Meinen Vater brauchte ich gar nicht erst zu fragen. Er fand, dass Kinder sich über gewisse Dinge keine Gedanken zu machen brauchten. Das hatte ich bisher auch nicht getan. Wohl wusste ich, dass meine Mutter einmal Brüder gehabt hatte, die nicht aus dem Krieg wiedergekommen waren, dafür aber hin und wieder wie Gespenster in einer gewissen Traurigkeit umherhuschten, die sie manchmal befiel. Wenn dieses dunkle und unverständliche Ereignis Krieg nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar Opas und Onkels gehabt wie manche anderen Kinder. Doch bei uns wurde über Dinge, die man nicht ändern kann, nie gesprochen. Und so dachte ich zunächst tatsächlich kaum über diesen Himmel nach, von dem Wolfgang erzählt hatte. Nur wenn ich Butterkekse aß, fiel er mir gelegentlich ein.
Doch drei Jahre später war es Wolfgang selbst, der in den Himmel kam. Er hatte seine Brille auf einer Schaukel liegen lassen und war vor einen Bus gelaufen. Ich versuchte, ihn zwischen den unruhigen Septemberwolken zu entdecken, doch der Himmel schien furchtbar weit weg.
Seltsamerweise war es mein Vater, der mich zu trösten suchte, indem er mich nachts auf den Balkon mitnahm und mir die Sternbilder erklärte. „Das ist der Große Wagen, dort der Schwan und hier die Kassiopeia, auch das Himmels-W genannt.“ Es half mir tatsächlich etwas; ich fand, die Sterne schienen ein wenig tiefer und somit erreichbarer als der Himmel bei Tag. Doch das riesige leuchtende „W“ verfolgte mich bis in meine Träume. „Wer weiß?“, schien es zu sagen. „Warum? Wo?“ Offenbar hatte selbst der Himmel offene Fragen. Große Fragen. Ich konnte immer noch nichts mit ihm anfangen, nicht mit dem Himmel der Toten. Mein Himmel war der, in den ich meinen Drachen steigen ließ und gegen meine Vorstellungskraft hoffte, dass Wolfgang sich von oben herunterbeugen und ihn von der Schnur pflücken würde, wenn sie nur lang genug war. Er tat es nicht, und ich begann zu glauben, dass er sich geirrt haben musste.
Doch dann fuhren wir in den Ferien meinen mir bis dato unbekannten Großonkel besuchen, der auf einer Nordseeinsel lebte. In der Stadt hatte Frühsommerhitze gewichtig in den staubigen Straßen gelegen und das Atmen schwer gemacht. Die vom Seewind umwehte Insel wirkte dagegen leicht wie ein Gedanke, der im nächsten Augenblick verschwunden sein könnte.

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Diese Geschichte stammt aus in dem Buch/eBook
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

 

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Himmel, Oma, Butterkekse,

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Patricia Koelle: Ein unvergesslicher Familientag

Ein unvergesslicher Familientag

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: FrühlingsgeschichtenEs war ein ungewöhnlich heißer Tag Anfang Mai, einer der heißesten in jenem Jahr, als Oma Friederika in die Küche gehumpelt kam und aufgeregt nach meinem Vater rief. „Georg“, sagte sie undeutlich und wedelte mit den Armen, als wollte sie ein Orchester dirigieren, „Oh Georg, du musst mir helfen, meine Zähne sind in die Jauchegrube gefallen!“

„Ach du liebes Lieschen“, sagte Vater, „wie hast du das denn fertiggebracht?“

„Na, ich musste mal verschwinden, und dabei hab ich gemerkt, dass ich noch Kraut zwischen den Zähnen hatte. Ich hab sie rausgenommen und in dem Moment sprang der Kater auf dem Dach, ich hab mich erschrocken und da sind sie mir aus der Hand gefallen.“

Ich versuchte, unauffällig auszusehen, denn es war nicht der Kater gewesen auf dem Dach vom Plumpsklo, sondern ich. Man hatte so eine gute Aussicht von da oben.

Vater atmete tief durch und setzte sich hin. „Franz“, sagte er dann zu mir, „Geh, such die Onkels, sie müssen herkommen und helfen.“

„Die sind doch bei der Spargelernte.“

„Egal, sag ihnen, es ist ein Notfall.“

Ich rannte auf die Felder. Mein kleiner Bruder Hannes sauste hinterher.

„Onkel Rainer“, japste ich, „du musst kommen, es ist ein Notfall!“

„Wie?“, rief er erschrocken und ließ den Spargelstecher fallen.

„Oma hat ihre Zähne in die Jauchegrube geschmissen, es ist ein Notfall, sie kann ja ohne Zähne nicht essen!“

„Du lieber Himmel“, sagte er, „das ist wohl eher ein Notfall, weil das Ding so teuer war.“

Er packte seine Werkzeuge zusammen und folgte mir. Zum Glück musste ich nicht noch aufs andere Feld rennen, um Onkel Julius zu holen, denn Onkel Rainer Brinlinger konnte durch seine zwei schiefen Vorderzähne so laut pfeifen, dass man es noch auf den drei Nachbarhöfen hörte. Er pfiff aber nur, wenn etwas ganz Wichtiges passiert war, das keinen Aufschub duldete. Wenn Onkel Rainer pfiff, ließen sämtliche Familienmitglieder alles stehen und liegen und eilten herbei. Allerdings weckte dieser allbekannte Pfiff auch die Neugier der Nachbarn. So standen in kurzer Zeit nicht nur unsere Familie wie die Orgelpfeifen um die Jauchegrube, sondern auch Familie Gubben, Familie Döbrich und das Ehepaar Kätner samt ihrer Opas und Omas, die froh waren, dass es nicht ihr Gebiss war, das in der Jauchegrube lag. Oma Friederika ihrerseits wusste nicht, ob sie ihrer plötzlichen Berühmtheit wegen im Erdboden versinken oder irgendwie stolz sein sollte.

Die Jauchegrube verströmte bei der Hitze einen besonders überwältigenden Geruch, aber selbst eine übelriechende Abwechslung war aufregender als die tägliche Spargelernte. Wir Kinder waren begeistert. Hannes ließ den Daumen nicht mehr aus dem Mund, meine Schwester Katharina hüpfte auf und ab, und die Nachbarskinder saßen im Halbkreis im Gras, als erwarteten sie eine Zirkusvorstellung. Falls es doch langweilig werden sollte, hatten sie ihre Murmeln mitgebracht.

In den Onkels unterdes war das Jagdfieber erwacht. Eine Safari, wie Urgroßvater Emil sie einst im Kongo erlebt hatte, würde ihnen nie vergönnt sein, aber nun konnten sie wenigstes ein flüchtiges Gebiss in der Jauchegrube jagen.

Nachmittagshitze legte sich über den Brinlingerhof wie ein nasses Tuch. Die Obstbäume standen in dicker Blüte und streuten mit jedem schwachen Windhauch weiße Konfetti. Hummeln brummten, als hätte Onkel Julius vergessen, den Traktor auszuschalten. Am Horizont lauerten dunkle Wolken, die ein späteres Gewitter versprachen, und der klebrige Gestank aus der Jauchegrube kämpfte verbissen mit den hellen Honigduftwolken der Obstbäume. Das Ergebnis war der einzigartige Geruch eines Kindheitssommernachmittages, der mir heute deutlicher und lebendiger vor Augen steht als das brave Familienportrait, das in der Diele hängt. Alle waren da, alle packten mit an, und ich weiß nicht, ob mehr geflucht oder mehr gelacht wurde. Mein Vater schickte mich, im Schuppen alte Siebe zu suchen. Onkel Rainer holte den Jauchewagen und Tante Meta half ihm, die Fässer daraufzuwuchten. Onkel Julius diskutierte mit Nachbar Willi Gubben, welches Feld man denn schon wieder düngen könne, ohne dass die Saat Schaden nähme. Vater holte die merkwürdigen Eimer an langen Stielen, mit welchen man die Jauche aus der Grube in die Fässer schöpfte. Einer war undicht, und die Jauche lief ins Gras. Klein Katharina, für einen Moment unbeaufsichtigt, patschte prompt barfüßig hinein und rutschte aus, worauf Onkel Rainer sie kurzerhand in die Regentonne tauchte, ehe Mutter eingreifen konnte.

Die Männer kamen mächtig ins Schwitzen, während sie Kelle um Kelle die Jauche vorsichtig durch die Siebe in die Fässer gossen. Der Pegel in der Grube sank nur träge, obwohl Willi Gubben, Hein Kätner und sogar der alte Dobrich die Onkels gelegentlich ablösten. Wir fanden es herrlich aufregend, denn nicht nur manch pikante Geschichte wurde beim Schöpfen erzählt. Es tauchte auch Interessantes in der Jauche auf. Die gespenstischen Reste eines alten Fischbeinkorsetts. Die Mumie eines Lederfußballs. Natürlich das spitze Wrack eines Regenschirms. Einige vollständige Froschskelette. Auch mehrere Murmeln fanden sich zu unserer Begeisterung, die ein uns unbekanntes Muster trugen, aber vollständig in Ordnung waren. Selbst eine ganze Wachstuchtischdecke tauchte auf und ein verrosteter Wetterhahn, von dem der alte Dobrich meinte, man könne ihn wieder auferstehen lassen. Es gab sogar einige größere Knochen, die mein Vater unbekümmert als Rinderknochen abtat, von welchen Willi Gubben, der zur See gefahren war und gern mal ein Garn spann, aber versicherte, sie wären Teil eines Menschen gewesen. Wir glaubten es sofort.

Omas schlechtes Gewissen brachte uns einen ungeheuren Kuchenkorb ein und, als schon die Dämmerung und das Gewitter sich drohend über uns senkten, eine ebenso große Platte mit frischen Leberwurstbroten. Die Großen hatten ob der unappetitlichen Arbeit nicht wirklich Hunger, aber wir Kinder machten das problemlos wett. Als Oma aber zum Trost noch ein Fässchen Most öffnete, wurden die Erwachsenen mit der gleichen Geschwindigkeit heiterer wie schmutziger. Keiner mehr, der nicht von oben bis unten die glitschigbraune Farbe der Jauchegrube trug.

Wenn die Fässer voll waren, spannte Vater den Major vor den Karren und fuhr mit Onkel Rainer aufs Feld, die Jauche verteilen. Für Major war der Geruch etwas zu durchdringend und die Männer etwas zu lustig, so dass er einmal durchging und die Fässer ein falsches Feld düngten. Zum Glück hatte Nachbar Kätner da schon zu oft von dem Most gekostet, um wütend zu werden. Um die Stimmung noch zu verbessern, spielte der alte Dobrich auf seiner Mundharmonika und wurde dabei zusehends jünger. Die Frauen, umschwärmt von Stechmücken, fingen an zu singen, junge und alte Stimmen mit schiefen Tönen darunter, die sich doch einig waren.

„Hoffentlich regnet es noch nicht“, jammerte Oma, als eine Windbö ein Blütenblattgestöber auslöste und der erste Donner die Jauchefässer blechern erzittern ließ.

Katharina war auf einem Haufen Stroh eingeschlafen und Vater wollte gerade Laternen suchen, als die Onkels den letzten Unrat vom Boden der Jauchegrube kratzten. Da stieß Onkel Rainer ein Triumphgeheul aus – „Ich habs!“ – und hielt ein triefendes Objekt hoch, an dem eine nasse Rabenfeder, Pferdehaare und zwei weiße Blütenblätter hingen. Nach einem Tauchbad in der Regentonne kam tatsächlich Omas Gebiss unversehrt zum Vorschein.

Müde, aber zufrieden wurden wir Kinder und die Gerätschaften eingesammelt. Die Erwachsenen stießen noch einmal auf den Erfolg an, ehe sich alle trollten.

Am nächsten Morgen kam Oma mit hängendem Kopf in die Stube. „Georg, Anna“, murmelte sie, „erschlagt mich nicht.“

Sie hielt uns ein so gruseliges Objekt entgegen, dass Katharina zu weinen anfing und selbst Vater zusammenzuckte. Aus einer klumpigen, verschmolzenen rosa Masse stachen in alle Richtungen unregelmäßig Zähne hervor, manche davon dunkelbraun mit schwarzen Stellen.

„Ich wollte es doch desinfizieren“, sagte Oma kleinlaut, „und da hab ich es gekocht.“

Vater starrte einen Moment sprachlos auf das Unding.

Dann fing er an zu lachen, und dieser Lachanfall ist bis heute legendär im Dorf, denn er war noch weiter zu hören als Onkel Rainer Brinlingers Pfiff.

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Diese Geschichte gibt es auch in dem eBook
Patricia Koelle: Frühlingsgeschichten
Patricia Koelle
Frühlingsgeschichten
Amazon Kindle Edition
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Frühlingslaune zum Lesen!
Im Frühling und diesen Geschichten wachsen Blumen, Hoffnung, Sehnsucht und Merkwürdiges. Auf dem Friedhof erscheinen Schriftzüge auf dem Rasen. Ein Schneeglöckchen macht Frank klar, was sein bester Trumpf ist. In einem Dorf treiben Papierschiffchen mit einer ungewöhnlichen Fracht die Hauptstraße entlang. Durch das Leeren einer Jauchegrube wird aus einem Notfall ein unvergesslicher Familientag. Die dreiundneunzigjährige Lene besiegt auf ihre Art die Zeit. Ein Pärchen verliert etwas, das sie nie wiederfinden werden und das ihnen dafür zu einem anderen Reichtum verhilft. Ein hartnäckiger Fasan rettet Adrian das Leben und weist ihm den Weg in eine unerwartete Zukunft.
Im Frühling ist alles möglich!


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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Familientag, Frühling, Frühlingsgeschichte