Gertrud Scherf: Familienbild

Familienbild

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Am Morgen nach dem Umzug saß ich beim Frühstück in der Küche. Um mich herum standen und stapelten sich Kartons mit Kochutensilien, Geschirr, Besteck und den vielen Kleinigkeiten, von denen ich erst beim Einpacken wieder erfahren hatte, dass ich sie besaß. Ich schaute aus dem Fenster hin über die Kleinstadtdächer; in der Nacht waren sie weiß geworden. Eine Gruppe von Tauben landete mit lautem Geschrei auf dem nahen Giebel. Vermutlich würden sie bald versuchen, auf meinem Balkon Nester zu bauen. Von unten drang Straßenlärm herauf, und ich wünschte mich zurück in die alte Wohnung, wo ich von meinem Platz am Esstisch in hohe Bäume schaute.
Das Foto hatte ich zuoberst in eine Schachtel mit anderen Bildern gelegt. Nun holte ich es vorsichtig aus der Verpackung und legte es vor mich auf den Tisch. Leider war ich offenbar doch nicht sorgfältig genug gewesen, denn das Glas war gebrochen und der Pappendeckel auf der Rückseite eingedrückt. Ich würde mich gleich morgen oder besser noch heute Nachmittag darum kümmern, damit das Bild bald wieder unversehrt wäre.
Alle fünf, die um den Tisch saßen, hatten lachende Gesichter und selbst der Hund im Vordergrund schien zu lachen. Das Bild wollte ich auch diesmal wieder so hängen, dass ich es von meinem Platz am Esstisch anschauen konnte. Es würde mir, wie in den vorherigen Wohnungen, Mut und Zuversicht vermitteln.
In den Gelben Seiten fand ich zwei Glasereien. Ich nahm den Stadtplan und machte mich auf die Suche. Am Gebäude der ersten Firma informierte ein Schild, dass der Betrieb aufgegeben sei. Aber die zweite Glaserei existierte, und der alte Mann, der mich nach meinem Anliegen gefragt hatte, stellte die Neuverglasung des Bildes für den nächsten Vormittag in Aussicht. Offenbar war ihm aber meine Enttäuschung nicht entgangen, denn er sagte: „Also gut, ich mache es gleich. Kommen Sie in einer halben oder dreiviertel Stunde wieder. Vielleicht haben Sie noch ein paar Besorgungen zu machen.“
Erleichtert dankte ich und bat, möglichst entspiegeltes Glas zu verwenden, denn schon öfters hatten mich die Spiegelungen gestört.
Der Marktplatz zeigte beeindruckende Fassaden, aber an zu vielen Häusern gaben Tafeln bekannt, dass Laden- oder Geschäftsräume in diesem Haus zu vermieten seien. Ich ging an den Schaufenstern der Kettenläden entlang, fand nur einen Billig-Lebensmittelmarkt und kaufte dort lustlos für mein Abendessen ein. Als ich die Glaserei betrat, lag mein Bild fertig gerahmt auf dem Arbeitstisch. Der Glaser packte es sorgfältig ein, und ich eilte durch den vorfrühlingshaft hellen Spätnachmittag zurück in die Wohnung.
Als ich mich zum Abendessen setzte, hing das Bild schräg gegenüber neben dem Fenster. Ich aß Nudeln mit wässerigen Gelben Rüben und faden Champignons, trank ein Glas Rotwein und betrachtete wieder einmal die heitere Szene.
Lag es am entspiegelten Glas oder an der neuen Beleuchtung? Neben dem Gartentisch, am rechten Bildrand, war ein Schatten. Ich stand auf, ging von vorn ganz nah an das Bild heran, dann einen Schritt nach links, einen nach rechts. Der Schatten blieb. Vielleicht war durch das Herausnehmen aus dem alten und das Einfügen in den neuen Rahmen Schmutz oder Feuchtigkeit aufs Foto gelangt. Ich hängte das Bild ab und betrachtete es unter starkem Lampenlicht erneut. Das Papier schien sauber und unversehrt, aber der Schatten blieb. Es sah aus, als hätte eine Person, die selbst nicht im Bild war, aber ihren Schatten warf, rechts von der Gruppe gestanden. Ich hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit Einräumen der Küchenschränke und des Bücherregals. Ich wollte die letzten Urlaubstage nutzen, denn sobald ich die Stelle im Krankenhaus angetreten hätte, würde ich von den neuen Aufgaben sicher zunächst so beansprucht, dass für anderes nicht mehr viel Zeit und Kraft blieben.
Erst am Abend betrachtete ich wieder das Bild. Bislang war mir nicht aufgefallen, dass das ältere der beiden Mädchen dick war. Übergewicht war damals bei Kindern und Jugendlichen noch längst nicht so häufig wie jetzt. Das Mädchen hat ein großes Stück Kuchen vor sich auf dem Teller und ist dabei, sich wieder einen Brocken in den Mund zu schieben.
Ich nahm meinen noch halb vollen Teller mit Hirse und Gemüse, stellte ihn neben der Spüle ab, holte die Zeitung und setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
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Mysteriöse Geschichten
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Gertrud Scherf: Perchtentanz

Perchtentanz

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Nein, ich beruhige mich nicht. Das täten Sie an meiner Stelle auch nicht. Die Sache ist höchst beunruhigend. Ich mache mir ja solche Vorwürfe. Ich hätte sie nicht überreden dürfen. Oder ich hätte sie deutlicher warnen müssen.
— Gut, ich versuche, nochmal alles von Anfang an zu erzählen.
In der Zeitung hatte ich gelesen, dass in diesem Jahr am 5. Januar auf dem Marktplatz ein Perchtenlauf stattfindet. Jetzt muss ich kurz ausholen, damit Sie wissen, wovon ich rede. Die Zeit zwischen dem Thomastag, also dem 21. Dezember, und Dreikönig ist die Zeit der Raunächte. Besondere Raunächte sind die Weihnachtsnacht, die Neujahrsnacht und eben die Nacht vor dem 6. Januar. Also, in diesen Nächten hat man geräuchert, um die bösen Geister zu vertreiben, aber vielleicht kommt der Name auch von Rauch, in der alten Bedeutung von Fell. In den Raunächten sind nämlich tiergestaltige oder Tier-Mensch-gestaltige Geister unterwegs – so der Volksglaube. Auch die Perchten gehören dazu. Es sind ursprünglich Fruchtbarkeitsgeister, wurden aber dann in christlicher Zeit immer mehr zu Schreckgestalten. Das hört sich jetzt für Sie vielleicht nach Volkskunde-Vorlesung an, aber ich glaube, die Informationen sind wichtig.
Jedenfalls, als ich vor ein paar Tagen mit Angela beim Abendessen saß, erzählte ich ihr von der Veranstaltung und machte den Vorschlag, am Samstagabend gemeinsam hinzugehen. Natürlich wusste ich, dass meine liebe Freundin für Volksglauben und Brauchtum, egal ob christlich oder heidnisch, wenig übrig hat. Sie ist halt durch und durch Naturwissenschaftlerin und lehnt es ab, sich mit solch esoterischem Zeug, wie sie es nennt, zu befassen. Ich erkläre ihr immer wieder, dass Volksglaube nichts mit Esoterik zu tun hat und dass es doch gut und richtig ist, wenn man in jüngster Zeit beginnt, sich wieder ein wenig mit den eigenen Wurzeln zu befassen.
An diesem Abend wollte sie mir wohl eine Freude machen, denn sie sagte nach kurzer Diskussion: „Meinetwegen, geh ich halt mit. Vielleicht wird es ja ganz lustig.“
Ich deutete ihr Entgegenkommen als immerhin schwaches Interesse. Deshalb erzählte ihr von den Raunächten, stellte Frau Percht vor, die Anführerin der wilden Gesellen, dazu auch Luzia, Frau Holle und andere mythische Gestalten der Mittwinterzeit, schilderte sie als Wesen, die ambivalent sind im Charakter, furchterregend und zugleich segenbringend, freundlich und bösartig, hilfreich und rachsüchtig, eben wie die meisten Dämonen im Volksglauben. — Ja, Sie haben recht, von diesen Dingen wissen die meisten Menschen heute nichts mehr – ist aber ein Fehler.
Angela hielt ihr Versprechen und so spazierten wir beide gestern Abend zum Marktplatz. Es dämmerte. In der kalten und klaren Luft wehte mich auf einmal ein eigenartiger Duft an: blumig-süß und zugleich etwas aashaft, ähnlich wie im späten Frühjahr die Weißdornblüten. Rasch war er wieder verschwunden und Angela schien gar nichts bemerkt zu haben – aber das gehört jetzt wohl nicht hierher? — Gut, wenn Sie meinen, erzähle ich alles, was mir zum gestrigen Abend einfällt.
Unterwegs berichtete ich Angela, was ich in der Zeitung gelesen hatte: dass es den Perchtenlauf hier im Markt erst seit einigen Jahren gibt, dass nicht sicher ist, ob er in früherer Zeit wirklich zum regionalen Brauchtum gehört hat. Das hat er übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit nicht; heute finden in vielen Orten Perchtenläufe statt, obwohl es sie dort nie gegeben hat. Schon als wir uns dem Marktplatz näherten, hörten wir Musik, Rufen, Schreien, schrilles Kreischen, Klatschen – wie es halt ist, wenn viele Menschen in angeregter Stimmung beisammen sind.

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Gertrud Scherf: Schlehenzeit

Schlehenzeit

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Ich hatte den Rest des Schlehenlikörs getrunken, nur noch ein halbes Likörgläschen voll. Eigentlich mochte ich jetzt am Nachmittag nichts Alkoholisches, aber wenn ich später neuen Likör ansetzen würde, sollte vom vorjährigen – er war gut geworden – nichts mehr im Haus sein. Auch in diesem Jahr, so hatte ich mir vorgenommen, würde ich Schlehen sammeln und verarbeiten und mir selbst, wieder einmal, zeigen, dass ich trotz der Trennung von Stefan weiterleben konnte wie zuvor.
Ich zog ein langärmeliges T-Shirt, die alte Jacke, modisch nicht mehr aktuelle Jeans aus festem Baumwollstoff sowie meine Gummistiefel an, nahm die Gartenhandschuhe und den Sammeleimer. Es war ein windstiller Nachmittag Ende Oktober mit einem bedeckten Himmel, durch dessen dünne Wolkenschicht bisweilen die fahle Sonne leuchtete. Ich ging den von Schafgarben und Leinkraut gesäumten Weg am Dorfrand entlang und dann auf dem schmalen Pfad zwischen Acker und Wiese hinunter zur Schlehenhecke. Dort war es warm und still; ein Rotkehlchen stimmte seinen Herbstgesang an.
Aus der schwarzgrauen Hecke leuchtete ein weißer Zweig: Schlehenblüten saßen auf ihm, dicht gedrängt und von Bienen umschwirrt. Die Blüten verströmten zarten, kaum wahrnehmbaren Duft, und einen Augenblick lang schien es mir Frühling zu sein.
Ich zog die Jacke aus und legte sie auf einen Stein hinter der Hecke. Die Sträucher hatten bereits einen großen Teil ihrer Blätter verloren und an den Zweigen waren die kugeligen dunkelblauen Schlehen gegen den milchigen Himmel gut zu sehen. In diesem Jahr trug die lange Hecke viele Früchte, sodass ich die Wildtiere nicht nennenswert berauben würde. Eine Schlehe nach der anderen pflückte ich von den Zweigen, durch Handschuhe und lange Ärmel vor den spitzen Dornen geschützt, und spürte, wie ein wenig Wärme von der Haut ins Innere drang.
Plötzlich schreckte ich auf. Ein Düsenjäger raste auf einem der verhassten Übungsflüge durch das Tal. Der Lärm tat weh, ich legte die Hände auf die Ohren, nachdem ich den Eimer abgestellt hatte. Als ich ihn wieder aufnahm, sah ich am östlichen Ende der langen Hecke einen Mann eine Frau umarmen. Ein Liebespaar, dachte ich, das die milde Herbststimmung nach vielen regenkalten Tagen in die Natur gelockt hat. Aber etwas stimmte nicht, denn die Frau schien sich heftig zu wehren. Ich sah ihren zum Schreien geöffneten Mund, aus dem jedoch kein Ton kam. Hektisch kramte ich im Rucksack nach dem Handy, ging dabei rufend auf die beiden zu – da sah ich ihre Kleidung: Der Mann trug hohe Stulpenstiefel, gelb-schwarz gestreifte Knie-Pluderhosen und ein gelbes weites Oberteil mit üppigen Schlitzärmeln. Der breitkrempige Hut mit einem aberwitzigen Federschmuck lag neben ihm, er war ihm wohl vom Kopf gefallen. Die Frau schien sehr jung. Sie trug ein dunkles, ärmlich wirkendes Gewand, einen langen Rock und eine gestrickte Jacke; Haube und umgestürzter Sammeleimer lagen im Gras. Jenseits der Hecke, dort, wo das Dorf liegt, stieg Rauch auf. Über die Schlehensträucher ragten Kirchendach und Kirchturm – wie immer von dieser Stelle aus zu sehen. Aber das war nicht der Turm mit der Zwiebelhaube, sondern ein wuchtiger, von einem Satteldach gekrönter Ziegelbau. Ein kalter Wind wehte, trieb Blätter über Weg und Wiese. Völlig lautlos näherten sich von Westen her drei Reiter dem anderen Ende der Hecke. Die mächtigen Federbüsche auf ihren Hüten wippten, riesige Gewehre lagen auf den Schultern. Die Gruppe wirkte trotz oder gerade wegen des völligen Stillschweigens – kein Hufgetrappel, keine Stimmen – so bedrohlich, dass ich mich in die dornige Schlehenhecke stürzte. Die Drei in ihrem seltsamen Aufzug ritten still und stumm an mir vorüber und ich schaute ihnen nach, weil ich hoffte, dass ihr Erscheinen der Bedrängnis der jungen Frau ein Ende bereiten würde. Ich kroch aus der Hecke, um mich der Hilfe der Reiter zu vergewissern. Mein Handy hatte ich nicht gefunden, es wohl wieder einmal daheim vergessen.
Anstelle des Weges zog sich, einige Meter nach Süden versetzt, eine von Löchern durchzogene Asphaltstraße von Ost nach West dahin. Ich schaute zu der jungen Frau und dem Gewalttätigen, aber beide waren verschwunden. Dort, wo sie miteinander gerungen hatten, stand eine drei oder vier Meter lange Schlehenhecke, die übrige Hecke gab es nicht mehr. Statt der baumumsäumten Wiese, die sich zwischen Hecke und Dorfrand erstreckt, sah ich eine Wohnsiedlung. Zwischen den Einfamilienhäusern krümmten sich Straßen und trennten baumlose Gärten voneinander. Die vermutlich als Rasen angelegten Flächen vor und zwischen den Häusern zeigten sich als Wiesen mit hohen Gräsern und verblühten Kräutern, dazwischen wuchsen Gehölze auf. Brennnessel, Berufkraut, Schafgarbe, Knöterich waren in die sicher einst von solchen Gewächsen frei gehaltenen Grundstücke eingezogen. An manchen Gartenmöbeln und Kinderschaukeln rankten sich Winden und Hopfen empor. Zerbrochene Fensterscheiben, von Herbstblättern übersäte Terrassen, als einziger sichtbarer Bewohner ein zum Skelett abgemagerter Hund, der vor einer Haustür lag und an etwas nagte. Am Kirchendach fehlten Ziegel.
Lautlos näherten sich ein junger Mann und ein Mädchen – jedes trug einen Eimer – der Rest-Schlehenhecke. Obwohl sie miteinander zu sprechen schienen, hörte ich keinen Ton.

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Gertrud Scherf
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Gertrud Scherf: Heimweg

Heimweg

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Wieder mal kein Taxi da. Das macht die Tageszeit, am frühen Abend wollen die Leute heim oder fort von daheim. Geh ich halt zu Fuß, ist auch nicht schlecht, ich sollt mich eh mehr bewegen, in einer Stunde müsste ich es schaffen. Da kann ich mich von dem Rauch und dem Aromagestank erholen. Ausgerechnet Ylang, aber die Bilder sollten wohl erotisch sein. Sogar Marianne hat das kapiert, weil sie vom untergründig Schwülen schwärmte. Töpfe und Bälle als Gebärmuttersymbole, Messer und Bananen für Penisse – schon toll. Das Gedränge ist hier draußen fast so schlimm wie drinnen. Warum können die Leute nicht ausweichen? Bin ich unsichtbar oder was? Aber ja doch, eng umschlungen und noch dazu mit Kinderwagen, das verleiht Bedeutung, da hat man Vorfahrt. Das grüne Kleid ist chic, kostet auch genug. Der Laden hat noch geöffnet, ich könnte es anprobieren, aber eigentlich mag ich gar nicht. Martina war ja wieder toll rausgeputzt, sie sollte wirklich keine kurzen Röcke tragen. Der Gerd hat jetzt einen Pferdeschwanz und der Rainer auch, dafür trägt der Christian Glatze.
Eigentlich hab ich gar keine Zeit, ich sollte schauen, dass ich heimkomme und mich endlich mit dem Projekt für das neue Schuljahr befassen. Einen Berg Unterlagen hab ich schon beisammen. Die Luft tut gut, riecht nach Herbst. Dass man das sogar hier riechen kann, bei all den Autos und Menschen. Wonach riecht der Herbst? Ein bisschen nach Erde und Blättern und noch nach etwas ganz anderem. In Gersau hat er jedenfalls einen ganz bestimmten Geruch gehabt. Wenn ich genau hinrieche, kann ich ihn sogar hier spüren, aber nur angedeutet und ganz flach. Jetzt muss ich sogar den Mantel aufmachen, so warm ist es.
Da singt eine Amsel, um diese Jahreszeit. Merkwürdig, dass eine Amsel so laut singt. Wo ist sie denn, ich kann sie nicht sehen. Sebastian wird es vermutlich kälter haben oder vielleicht auch nicht. Falls er anruft, frag ich ihn oder vielleicht auch nicht. Vor zehn oder zwanzig Jahren waren die Auslagen in dieser Straße weniger protzig, die Leute haben auch anders ausgesehen, die ganzen Obdachlosen und Bettler hat es nicht gegeben. Wann hat mir Sebastian den Brillantring bei Kruss gekauft, vor 12 Jahren?
Dreißig Schüler und das in einer 7. Klasse. Ich fühl mich heuer gar nicht erholt und jetzt hab ich nur noch eine Woche. Dabei, so ruhige Ferien hab ich schon seit Jahren nicht mehr gehabt. Ruhig war es ja eigentlich nicht, erst die Handwerker und dann jeden Tag was anderes. Warum war ich nach der Woche Schwiegermutter so fertig, sie ist doch wirklich lieb und verständnisvoll. Den Südtirol-Urlaub an Allerheiligen muss ich unbedingt bald festmachen, wenn sich nur Renate und Horst endlich entscheiden würden, ob sie mitfahren. Eigentlich wäre mir lieber, sie würden nicht mitfahren, beim letzten Mal war es schon recht schwierig mit Sebastian und Renate, weil die sich immer an Gescheitsein übertreffen müssen.
Jetzt sticht es wieder. Das muss schon etwas Ernstes sein, wenn es sich nicht gibt. Ist es der Darm oder die Bauchspeicheldrüse? Ich muss daheim gleich nachschauen, ob die Bauchspeicheldrüse so weit links liegt. Morgen meld ich mich beim Ultraschall an. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs geht es schnell dahin.
Ich schau furchtbar aus, der grüne Mantel steht mir überhaupt nicht, warum habe ich mir den gekauft. Was soll ich bloß mit den Haaren machen? Scheußlich so ein Schaufenster mit lauter Spiegeln und nichts drin als fünf Paar Schuhe ohne Preisschilder. Die schwarzen sind nicht schlecht. Ich hab schon genug Schuhe. Das Schlauchkleid mit dem Ausschnitt würde dem Sebastian sicher gefallen. Die vielen gelben Blätter jetzt schon an den Straßenbäumen, dabei ist es erst Anfang September. Groß sind die geworden. Die Lindlhofer Straße ist immer noch schön, das liegt auch an den Bäumen, durch sie stört der Verkehr weniger. Da war doch vor einiger Zeit noch eine Bäckerei drin, da hab ich einmal Semmeln gekauft, die waren sogar gut, und jetzt ist da ein Drogeriemarkt. Warum hab ich gerade da Semmeln gekauft, das weiß ich nicht mehr.
Diesmal lass ich mir keine zwei Nachmittage in der Woche aufhängen. Wenn der Forster so geplant hat, diesmal wehr ich mich. Diesmal muss ich es schaffen, und auch, dass er mir nicht wieder die ganzen Vertretungen überlässt. „Sie wissen genau, dass ich immer einspringe, wenn es brennt, ich mach immer klaglos alle Vertretungen, aber ich sehe überhaupt nicht ein, dass ich drei Jahre hintereinander zwei Unterrichtsnachmittage habe. Das kann jetzt auch mal jemand andern treffen.“

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Gertrud Scherf: Hüttenzauber

Hüttenzauber

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Spontane Entscheidungen sind mir zuwider. Deshalb wollte ich zunächst auch ablehnen, als Max mich am Telefon fragte. Nein, eigentlich hatte ich keine Lust, das verlängerte Wochen-ende mit ihm, Beate und Freund Reinhard auf einer Berghütte zu verbringen. Der 15. August, Mariä Himmelfahrt, war heuer an einem Freitag, und mir gefiel die Vorstellung, drei Tage für mich allein zu haben.
Überrascht hörte ich mich sagen, dass ich mitkommen würde. Vielleicht hatte ich zugesagt, weil ich mit dem Neinsagen noch immer Probleme habe oder weil ich hoffte, dass Wärme und Licht der späten Hundstage im Gebirge mir Kraft für Herbst und Winter geben würden. Kann auch sein, dass ich mich auf Toni freute, Max’ und Beates freundlichen Schäferhund.
Max schien meine Zusage viel zu bedeuten, wie ich erstaunt und vielleicht auch leicht geschmeichelt feststellte, er wirkte geradezu erleichtert. Mit ihm und Beate verband mich zwar seit Langem eine Freundschaft, die aber stets etwas distanziert geblieben war.
Mit Eifer in der Stimme erzählte Max, dass die Unterneh-mung eine Art Einweihungsfeier sein würde. Die Berghütte war erst vor einigen Monaten von seiner Firma gekauft worden, nein, eigentlich war es keine Hütte, sondern das teilweise erhal¬ten gebliebene Wohngebäude eines Bauernhofs, der einst zu einem kleinen Ort auf etwa 960 m Höhe gehört hatte. Das Ge¬bäude hatte man renoviert, aber es war gelungen, Charakter und Charme zu erhalten. Entstanden war eine recht komfortable Unterkunft, und die konnten die Firmenangestellten für einen geringen Betrag einige Tage mieten. Natürlich gab es Warte¬listen, aber – ich hörte den Stolz in der Stimme meines alten Freundes – die Zuteilung hatte schon auch mit Stellung und Bedeu¬tung in der Firma zu tun.
„Wir haben viel Platz“, sagte Max, „du bekommst selbstverständlich ein Zimmer für dich allein. Ich weiß ja, dass du auf so etwas großen Wert legst.“
Ich murmelte erfreut Zustimmendes und Max fuhr fort: „Allerdings führt keine Autostraße zum Haus. Wir müssen von der Endstation der Seilbahn etwa eine Stunde zu Fuß gehen. Es sind aber keine großen Steigungen zu überwinden.“
In der Hütte befänden sich Getränke und länger haltbare Lebensmittel, denn die Vorräte würden mit Hilfe eines Geländewagens immer wieder aufgefüllt.
„Wir müssen lediglich Brot, Milch, Butter sowie Obst und Gemüse in unseren Rücksäcken mitnehmen. – Beate reicht mir gerade einen Zettel: Kannst du am Dienstag zum Abendessen kommen, dann besprechen wir die Details.“
Beates Abendessen waren berühmt. Auch wenn ich das Gourmet-Getue ein bisschen nervig fand – es schmeckte mir jedes Mal besonders gut. Bei Kürbissuppe mit Räucherlachs und Lammschulter mit zarten jungen Bohnen beratschlagten wir, welche Lebensmittel eingekauft und mitgenommen werden sollten. Beate und Reinhard gaben den Ton an, denn sie wollten das Kochen übernehmen, was mir, und wohl auch Max, nur recht war. Wir beide beschränkten uns darauf, den Über¬schwang der Kochbegeisterten ein wenig zu dämpfen, indem wir zwischendurch darauf hinwiesen, dass wir alles würden in Rucksäcken tragen müssen. Nach einigem Hin und Her waren die Einkaufslisten fertig und wir besprachen, wer welche Lebensmittel besorgen und tragen sollte, wobei sich Max und Reinhard sehr ritterlich zeigten.
Am Freitag trafen wir uns am Parkplatz der Seilbahn-Talstation. Es war ein sonniger Augustmorgen, auf den Wiesen lag leichter Frühnebel, der den Abschied des Sommers ankündigte. Toni begrüßte mich begeistert. Unerschrocken betrat er mit uns die kleine schwankende, nostalgisch wirkende Kabine. Max erklärte, dass die Seilbahn schon über 60 Jahre alt sei, beruhigte uns aber mit dem Hinweis, dass alles dem neuesten Stand der Technik entspreche. Die Bergstation liegt auf knapp 1000 Meter, die Hütte auf 969 Meter Höhe. Ich war froh, dass ich meine festen Wanderstiefel angezogen hatte, denn der Weg war steinig und stellenweise morastig. Aber es gab nur wenige Steigungen und immer wieder boten sich schöne Ausblicke ins Tal. Wir waren zunächst im Schatten gewandert, doch hinter einer Linkswindung des Weges tat sich vor uns, gebreitet in helles Sonnenlicht, eine halbkreisförmig von Bergen umgebene Hochfläche auf.
„Was sagt ihr jetzt?“, fragte Max mit so viel Stolz in der Stimme, als hätte er den Anblick eigens für uns geschaffen. Er deutete hinunter auf das Ziel – die inmitten der grünen Fläche stehende Hütte.

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Gertrud Scherf: Gelbveigelein

Gelbveigelein

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten„Gehen Sie da rauf bis zum Waldrand, oben rechts weiter. Nach ungefähr 50 Metern müssen Sie links abbiegen, diesen Weg sieht man nicht so gut, dann geht es noch einmal steil bergauf und oben halten Sie sich rechts. Dann kommen Sie zur Kapelle. Ich war schon länger nicht mehr dort. Früher bin ich gern zu den Maiandachten gegangen, aber die gibt es schon lang nicht mehr und ich mit meiner Hüfte könnte auch nicht hingehen.“

Claudia und ich hatten unten im Ort den etwas verwitterten Wegweiser „Kapelle Maria Rast“ gesehen. Da wir beide gern solche kleinen Flurdenkmale anschauen, hatten wir beschlossen, vor der Heimfahrt noch zur Kapelle zu gehen. Aber die Suche war etwas mühsam geworden und wir hatten unseren Plan fast aufgegeben, als wir vor einem der letzten Häuser des kleinen Marktes – es lag bereits am Hang – die alte Frau im Garten sahen und sie nach dem Weg fragten.

Im Wald standen die Buchen in frischem zartgrünem Laub, die Frühblüher – Bärlauch und Buschwindröschen – waren am Vergilben. Wir wandten uns nach rechts. Mehrere Wege oder wegähnliche Spuren führten links hinauf. Claudia wollte der ersten Spur folgen, aber weil von uns beiden meist ich sicherer in der Orientierung bin, war sie sofort einverstanden, die nächste Spur zu nehmen. Wir erreichten einen lang gestreckten Höhenrücken und den auf ihm entlang führenden schmalen Höhenweg. Auf beiden Seiten fiel das Gelände steil ab. Bald wurde der Weg breiter, verließ den Höhenrücken und zog sich auf der Südseite talwärts. Nach etwa 500 Metern erschien rechts des Weges ebenes Gelände, das von einem löcherigen und verrosteten Zaun umgeben war. Während ich noch überlegte, taxierte Claudia: „Ein Tennisplatz mitten im Wald, merkwürdig.“

Beim Näherkommen sahen wir die Reste des Netzes. Auf dem rötlichbraunen, kiesig-sandigen Boden sprossen einzelne Grasbüschel, auch ein Ahornbaum versuchte emporzuwachsen. Größere und kleinere dunkle Asphaltbrocken lagen auf dem Weg, der auf einer Seite von rostigen Straßenlampen mit zerbrochenen Leuchten gesäumt war. Bald tauchte zwischen den Bäumen ein großes Gebäude auf.

„Siebzigerjahre“, schätzte ich, als wir die Rückseite des Bauwerks betrachteten. „Damals gab es hier eine gewisse Aufbruchstimmung. Man glaubte, der Fremdenverkehr würde Geld in die arme Gegend bringen. Hotels und Straßen wurden gebaut. Aber der Aufschwung dauerte nur ein paar Jahre, dann ließen sich die Leute lieber von Billiganbietern in den Süden fliegen. Die meisten Hotels dürften heute nicht mehr in Betrieb sein.“

Wir gingen an der Westseite des Betonkomplexes entlang und erreichten die nach Süden ausgerichtete Vorderseite. Teilweise verdeckt von jungen, hoch empor gewachsenen Bäumen lag vor uns das frühsommerliche Tal. Ich genoss die Aussicht, aber Claudia sog die Luft ein und murmelte:

„Da steh’ ich, ach!, mit der Liebe mein,
Mit Rosen und Gelbveigelein!
Dem ich alles gäbe so gerne,
Der ist nun in der Ferne.“

„Wovon redest du?“, fragte ich, erwartete aber aus Erfahrung nicht unbedingt eine Antwort. Doch Claudia war mitteilsam gestimmt und erklärte: „Es riecht nach Goldlack. Der wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Gelbveigelein genannt. Leider weiß ich nur noch die letzte Strophe des Gedichts. Ist, glaube ich, von Ludwig Uhland.“

Claudia hat einen sehr ausgeprägten Geruchssinn, wittert und spezifiziert angenehme wie abstoßende Düfte, meist ehe ich sie wahrnehme.

Wir wandten uns der Front des Hotels zu. Sie präsentierte sich im nicht passenden alpenländischen Stil und zeigte deutliche Verfallserscheinungen: abplatzender Verputz, verblichene Holzverkleidungen, Bäumchen in der Dachrinne.

Nun wehte auch mich lieblicher Blütenduft an. Ein Beet vor einem der fast ebenerdigen Balkone leuchtete in Gold-, Orange- und Brauntönen.

„Ist das nicht wunderschön!“, rief Claudia, als wir uns näherten. „Heute ist Goldlack ziemlich aus der Mode gekommen. So viel auf einmal habe ich noch gar nie gesehen.“

Das Beet mit den die vielen Blüten über dem dunkelgrünen Laub erschien wie eine Insel zwischen all den vernachlässigten Flächen, und der blumige, aber nicht süßliche Duft wirkte sehr anziehend.

„In England, Frankreich und Spanien hatte Goldlack die Bedeutung ‘Treue in der Not’ und in alten deutschen Volksliedern ist er Symbol trauernder Liebe.“

Ich staunte wieder einmal über die Pflanzenkenntnisse meiner Freundin. Ihr, die stets modisch gestylt ist und immer hinreißend aussieht, würde man so profundes Wissen um kulturgeschichtliche Zusammenhänge auf den ersten Blick nicht zutrauen.

„Trauernde Liebe hin oder her“, sagte ich, „jetzt pflücken wir uns ein paar von den Blumen. Ich hoffe, sie halten sich in der Vase.“

Beide bückten wir uns hinunter. Aber die Stängel des Goldlacks sind fest und zäh, und so hatten wir jeweils eine Pflanze samt Wurzel in der Hand.

„Lassen Sie bloß Ihre Finger vom Goldlack.“

Auf dem Balkon über dem Beet stand ein älterer Mann und schaute uns streng an. Wir waren so überrascht, dass wir zunächst gar nichts sagten. Schließlich stammelte ich: „Entschuldigung.“

Er schloss die Goldknöpfe seines dunkelblauen Blazers, den er zu einer grauen Flanellhose trug. Durch unsere Reaktion offenbar etwas besänftigt sagte er: „Diese wunderbaren Pflanzen darf niemand ausreißen. – Haben Sie das schöne Wetter zu einem Spaziergang genutzt?“

Claudia erklärte, dass wir die Kapelle „Maria Rast“ gesucht hätten und fragte unseren Gesprächspartner, ob er sie kenne.

„Ja“, sagte er und strich eine graue Haarsträhne zur Seite, „ich war einmal dort. Das heißt, wir waren einmal dort – ist noch gar nicht so lang her.“

„Können Sie uns vielleicht beschreiben, wie wir hinkommen? Wir haben unten im Ort gefragt, aber irgendwo haben wir uns verirrt“, sagte ich.

Er ging nicht darauf ein, sondern schaute über das Tal.

„Ich warte auf jemanden, sie müsste bald kommen. Vielleicht haben Sie eine schöne Frau mit langen braunen Haaren gesehen?“

Wir verneinten.

„Sie freut sich sicher, wenn sie den aufgeblühten Goldlack sieht und riecht.“ Er dämpfte seine Stimme. „Goldlack ist ihre Lieblingsblume. Sie nennt ihn Gelbveigelein. Wir haben uns hier im Hotel kennengelernt. Sie ist wie ich zur Erholung hier.“ Wieder strich er die Strähne aus der Stirn.

Ich schaute Claudia an und sie schaute unseren neuen Bekannten an. „Wir müssen wieder hinunter“, sagte sie und deutete talwärts, aber der Mann redete weiter.

„Das Hotel ist wirklich gut. Schöne, moderne Zimmer und das Essen ist hervorragend. Manchmal spielen wir oben auf dem Platz Tennis. Auch den Swimming-Pool nutzen wir gern. Wo sie nur bleibt? Es gibt ja bald Abendessen. Vielleicht ist sie schon in ihrem Zimmer und ich habe sie gar nicht kommen sehen. Hat mich gefreut, meine Damen, und lassen Sie bitte den Goldlack in Ruhe.“

Er drehte sich um und verschwand ins Dunkel des Zimmers. Die rasch geschlossene Balkontür glühte im Licht der tief stehenden Sonne. Über die Glasscheibe zog sich ein Sprung – von der linken oberen Ecke hinunter zur Mitte der gegenüberliegenden Seite – und teilte sie in ein Dreieck und ein Viereck. Ich schaute auf das Beet mit dem im Sonnenlicht leuchtenden Goldlack.

„Gelbveigelein sind zäh“, sagte Claudia. „Sie brauchen wenig Wasser, säen sich selbst aus und können lange Zeit am selben Platz bleiben. Manchmal findet man sogar bei Burgruinen noch Goldlack, der aus dem alten Burggarten stammt.“

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