Karin Reddemann: Über das Klauen

Über das Klauen

© Karin Reddemann

Blacky hatte einen wirklich schönen Apfel im Maul. Sie war eine Zicke und nahm sich, was sie wollte. In diesem Fall wohl die Frühstücksvitamine eines ausgehungerten Arbeiters, die dieser unbeaufsichtigt im Bauwagen am Ende unseres Hohlwegs, direkt am alten Friedhofshäuschen, gebunkert hatte. Zum vernünftigen Verzehr, natürlich.

Ich musste mir die Frage gefallen lassen, warum diese kleine, leicht korpulente, erstaunlich flotte schwarze Hündin ständig an diesem Wagen herumlungerte.

„Hat Ihr Köter meinen Apfel geklaut?“ Ich sagte „Nö“, machte einen auf empört, weil ich es nicht mag, wenn jemand meinen Hund als Köter bezeichnet. Insgeheim schämte ich mich. Ich hatte Blacky, die gern ihre Alleingänge machte, schließlich auf frischer Tat ertappt. Dieser rote, knackige Apfel gehörte einwandfrei nicht ihr.

Schwamm drüber. Bis zum nächsten Tag. Mein Großvater liebte es, mit Blacky spazieren zu gehen und sie dann nach seiner Visite im Wacholderhäuschen mal so eben zu verlieren. Kurz nach Mittag trudelte sie ohne Leine und Opa ein, trug aber ein Papiertütchen, das zwischen ihren Zähnen klemmte. Sie gab es mir ungern. Es war ein Käsebrötchen. Mit Salat, Salami, Remoulade und gewürzter Tomate.

Natürlich war mir bewusst, wo sie sich das, prinzipiell bargeldlos, was für einen Hund üblich ist, besorgt hatte. Ich kenne mich da aus. Meine Schwester hat nach der Schule Schnuller und Teufelchen aus Gummi bei Bromsky schräg gegenüber klammheimlich eingesackt. Miene Bromsky war halt nicht mehr auf Zack. Die trödelte nur an der Kasse herum und guckte nicht. Meine böse große Schwester, die später Jura studierte, nutzte das hemmungslos aus.

Gut, das Brötchen setzte mir zu. Ich bin eine ehrliche Seele. Ergo ging ich beschämten Hauptes zum Bauwagen, die Männer teerten unseren Weg – Opa behauptete immer: „Ist sowieso meiner.“ -, hatte die schwarze Diebin an meiner Seite und wurde sofort angeranzt: „Ach nee, die Mafia.“

Ich zahlte brav das neue Brötchen, ging halbwegs aufrecht von dannen, schimpfte ein bisschen mit Blacky und verzieh ihr. Dieser Blick. Man kann nicht lange böse sein.

Am dritten Tag transportierte sie einen Beutel mit drei Frikadellen inklusive Senfpäckchen auf unseren Hof, wollte ihn sich partout nicht wegnehmen lassen und machte einen auf Pitbull.

Mein Opa, der etwas viel später eintraf, fand das großartig: „Die sorgt für sich selbst. Säuft auch Korn und Bier, wenn sie Durst hat.“

Gefiel mir nicht so ganz, was mein ansonsten von mir geschätzter Großvater da von sich gab. Machte er meinen Hund besoffen und damit unberechenbar? Zum eiskalten Dieb?

Gottlob zogen die Bauarbeiter endlich ab, freilich nicht, ohne mich zu fragen: „Und, wie waren die Buletten?“

Hart. Als wenn ich die gefuttert hätte! Wie die Pfefferminzdrops meiner Freundin Claudia. Fragt die mich, wo ihre Bonbons sind, die hätten in ihrer Tasche gesteckt. Ich schaue nur Blacky an und schnuppere. Verdammt frischer Atem.

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Ein ganzes Buch voller Geschichten von Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Dieb, Klauen, Hund, Tiergeschichte, Hundegeschichte

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Karin Reddemann: Nur dein Butterbrot

Nur dein Butterbrot

© Karin Reddemann

Meine Mutter muss schon recht lange dort am kaputten Jägerzäunchen gestanden haben, das unseren alten Schulhof von der Wilhelminenstraße trennte. Wir hatten Pause, und die Evangelischen spielten in ihrem abgesteckten Bereich im hinteren Teil des Hofes, wo die Kastanien standen, während wir Katholischen uns vorn aufhielten. Das alles war gestern.

Heute sah ich ein weggeworfenes Butterbrot unter der hoch gewachsenen Hecke liegen, die an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule unbekümmert und unbeschnitten wuchert. Musste heulen, konnte immer noch nicht anders, die Tränen schossen mir fast liebevoll und doch nicht gewollt in die Augenwinkel, und verstohlen wischte ich sie mit dem Zeigefinger weg. Sollte keiner sehen, sollte keiner fragen. Ich sentimentales altes Weib, wer hätte mich denn verstanden?

Meine Mutter stand dort am Jägerzäunchen in ihrem hässlichen zerschlissenen braunen Mantel, die Pause war fast vorbei, und ich war so herrlich unbekümmert. Es war Krieg, mein Vater starb vermutlich irgendwo, und wir hatten wenig Gutes zu essen. Aber ich war ein Mädchen mit langen dicken Zöpfen und großen braunen Augen, und ich lachte trotz allem so gern wie es mir vermutlich niemand selig zugestanden hätte. Es gab nichts zu lachen. Meine Mutter war zu dünn und viel zu grau für ihr Alter, ihre Manteltaschen hatten Löcher, und sie trug trotz der lausigen Kälte keinen Schal und keine Handschuhe. Den lustig gepunkteten Schal hatte sie Dieter, meinem kleinen Bruder, gegeben, er mochte ihn nicht, zu mädchenhaft. Die grauen Fäustlinge, die meine Hände nicht ausfüllten, hatte ich. Als ich meine Mutter dort am Jägerzäunchen entdeckte, zögerte ich nur kurz, wirklich nur kurz, dann lief ich hin. Ich war wohl aufgeregt, vermutlich, weil Heimatkunde bald beginnen würde. Ich hatte unseren Bahnhof gemalt, mein Vater hat da irgendwann mal als Stationsvorsteher gearbeitet, das war bevor das alles begann, und ich war stolz und nervös. Und ich war unfreundlich zu meiner Mutter: „Was willst du denn, Mama?“ Ich muss altklug und gereizt geklungen haben, Gott, warum habe sie nicht ganz fest gedrückt?! Meine Mutter stand dort in ihrem hässlichen Mantel mit ihrer hausbackenen Hochsteckfrisur, die nach wenig Zeit, wenig Spiegel aussah, und sie sagte: „Kind, ich wollte dir doch nur dein Butterbrot bringen. Hast du mich denn nicht gesehen?“ Und dann: „Ich steh‘ doch schon so lange hier.“ Nein. Hatte ich nicht. Hatte ich vielleicht auch gar nicht gewollt. Sie sah so arm, so traurig, so derart nach nicht beachtenswert aus, vielleicht hatte ich sie ganz bewusst übersehen. Mein Herz schreit nach ihr, heute, wenn ich an sie denke, aber damals war ich ein hübsches kleines Mädchen mit dem Ansatz frisch erblühender Brüste, und ich wollte dieses Elend nicht mehr. Nicht immer. Nicht fortwährend. Ich war verbockt in meinem Glauben an das Schöne, das Bessere, endlich, bitte, auch für uns, für mich, und meine Mutter … nun, sie war halt meine Mutter. In einem schäbigen Mantel, mit einem verlorenen Gesicht. Eine Mutter, die zu Dieter und mir sagte: „Esst, Kinder, ich hab schon.“ Hatte sie aber nicht. Hatte sie nicht … verzeih mir, wer verzeihen darf. Sie sagte: „Hier, nimm dein Butterbrot. Kind, hast du mich denn wirklich nicht gesehen?“ Und ich nahm dieses Brot, unwillig vermutlich, so als sei sie mir lästig gewesen, diese Mutter, die dort am Jägerzäunchen stand, ohne Schal, ohne Handschuhe, und mich fragte: „Oder schämst du dich für meinen Mantel?“ Ich sagte „Neinnein“, und weiter „Ich muss jetzt in den Unterricht“, und ich rannte los, weg in meine Reihe, umklammerte die Hand von Margot Wiemann, die immer in der Reihe neben mir stand und mich jetzt ratlos ansah, weil sie auf mich gewartet hatte: „Was war denn?“ Ich zuckte mit den Schultern. Egal. Ich sagte: „Nichts. Nur meine Mutter mit meinem Butterbrot.“

Meine Mutter starb kurz nach Kriegsende. Meine Liebe zu ihr, die ich erst spät entdeckt habe, hat sich in mich hineingebohrt und steckt dort, wo sie mich nicht loslassen kann. Dieses Butterbrot, das sie mir gebracht hat, habe ich gegessen. Nicht weggeworfen. Mag man mich für rührselig halten: Dieses eine, das ich heute unter der Hecke gefunden habe, nahm ich auf und verfütterte es an die Enten im Stadtpark. Vielleicht hätte meine Mutter darüber gelächelt? Ich lächle zurück, Mama.

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Buchtipp – Lesetipp – Buchempfehlung
Diese Geschichte findet sich in dem Buch
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Schlüsselerlebnisse
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
ISBN 978-3-9809336-6-7

Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erzählen von Situationen, in denen die Welt in einem anderen Licht erschien.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Butterbrot, Krieg, Hunger, Mutter, Schlüsselerlebnis

Karin Reddemann: Blauauge

Blauauge

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Rosen für MaxIch kannte einen Mann mit großen blauen Puppenaugen. Das ist nicht ungewöhnlich, aber ich schätze grundsätzlich den finsteren, geheimnisvollen Blick. Meiner ist fast schwarz und schwer zu interpretieren. „Typisch sizilianisch“, sagte er, und ich vergaß, ihn irgendetwas zu fragen, vertrieb das mir fremde Blau aus meinem Glauben und versank in seinem Augenzwinkern, das wie eine Welle war. Salzig, stürmisch und herrlich erfrischend … Manchmal hat sie mich auch umgehauen, sie war gewaltig und konnte schmerzen. Aber ich stürzte mich hinein, ohne bereuen zu wollen.

Ich kannte einen Mann, der lachen konnte, mich mit lachen ließ und fragte, wie viele Sterne es gäbe. Ich sagte „Ziemlich viele“, und er sagte, ich hätte zwei vergessen, das wäre keine Bildungslücke. Ich mochte seinen herrlichen Körper, schlank, durchtrainiert. Wirklich gebrauchen konnte er ihn nicht mehr. Zu seinem und meinem Bedauern wurde er schwächer, trotziger, uneinsichtiger. Sein Zorn auf die Krankheit, die ihn labil und wütend werden ließ, wurde mir so vertraut wie alles, was mich in der Dunkelheit tauchen lässt. Ich schnappe nach Luft, strampele, weil ich leben will, gemeinsam mit ihm, vielleicht, irgendwo und irgendwann, aber da ist keine starke Hand, die mich an die Oberfläche zieht.

Gesund habe ich ihn nicht erlebt, von seiner Stärke, die er sich wieder holen wollte, konnte ich nur träumen. Meine Liebe war nicht einfach, aber ehrlich.

Blauauge ging ohne Abschied. In meinen Gedanken gehe ich Hand in Hand mit ihm, ich rieche ihn, atme den Mann, verirre mich mit meinen Fingern in seinen Brusthaaren, die ich liebte, obwohl ich es glatt und nackt mag. Nie bei ihm. Ich wünschte mir, den Blinden sehen lassen zu können. Ich wollte ihn zurück, so, wie er gewesen ist, in einem auswegreichen Nirwana, das doch keinen Platz für mich hat.

Ich liebte diesen Mann, der gern mit mir Hand in Hand gelaufen wäre, so selbstverständlich, wie wir es kennen und glauben, es sei wie der normale Hunger, der gestillt wird zu unserer Zufriedenheit. Der mir von seinen Sternen erzählt und Sand, Salz und die Sonne, die jetzt mein bester Freund ist, geschenkt hätte, ohne etwas dafür zu verlangen. Einmal haben wir zusammen getanzt. Holprig, steif und doch so wunderbar. Ich denke an ihn und weiß, ich werde ihn wiedersehen. Jung, hoffnungsvoll und glücklich, wie ich es erwarte. und ich bin alt und müde. Aber ich erkenne ihn und lächle ihn an. Ich schaue in blaue Puppenaugen, und er schaut scheu an mir vorbei. Dann zwinkere ich ihm zu, und er zwinkert unbeholfen zurück, ohne zu ahnen, warum.

Und ich weiß, dass alles gut war.

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