Gertrud Scherf: Familienbild

Familienbild

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Am Morgen nach dem Umzug saß ich beim Frühstück in der Küche. Um mich herum standen und stapelten sich Kartons mit Kochutensilien, Geschirr, Besteck und den vielen Kleinigkeiten, von denen ich erst beim Einpacken wieder erfahren hatte, dass ich sie besaß. Ich schaute aus dem Fenster hin über die Kleinstadtdächer; in der Nacht waren sie weiß geworden. Eine Gruppe von Tauben landete mit lautem Geschrei auf dem nahen Giebel. Vermutlich würden sie bald versuchen, auf meinem Balkon Nester zu bauen. Von unten drang Straßenlärm herauf, und ich wünschte mich zurück in die alte Wohnung, wo ich von meinem Platz am Esstisch in hohe Bäume schaute.
Das Foto hatte ich zuoberst in eine Schachtel mit anderen Bildern gelegt. Nun holte ich es vorsichtig aus der Verpackung und legte es vor mich auf den Tisch. Leider war ich offenbar doch nicht sorgfältig genug gewesen, denn das Glas war gebrochen und der Pappendeckel auf der Rückseite eingedrückt. Ich würde mich gleich morgen oder besser noch heute Nachmittag darum kümmern, damit das Bild bald wieder unversehrt wäre.
Alle fünf, die um den Tisch saßen, hatten lachende Gesichter und selbst der Hund im Vordergrund schien zu lachen. Das Bild wollte ich auch diesmal wieder so hängen, dass ich es von meinem Platz am Esstisch anschauen konnte. Es würde mir, wie in den vorherigen Wohnungen, Mut und Zuversicht vermitteln.
In den Gelben Seiten fand ich zwei Glasereien. Ich nahm den Stadtplan und machte mich auf die Suche. Am Gebäude der ersten Firma informierte ein Schild, dass der Betrieb aufgegeben sei. Aber die zweite Glaserei existierte, und der alte Mann, der mich nach meinem Anliegen gefragt hatte, stellte die Neuverglasung des Bildes für den nächsten Vormittag in Aussicht. Offenbar war ihm aber meine Enttäuschung nicht entgangen, denn er sagte: „Also gut, ich mache es gleich. Kommen Sie in einer halben oder dreiviertel Stunde wieder. Vielleicht haben Sie noch ein paar Besorgungen zu machen.“
Erleichtert dankte ich und bat, möglichst entspiegeltes Glas zu verwenden, denn schon öfters hatten mich die Spiegelungen gestört.
Der Marktplatz zeigte beeindruckende Fassaden, aber an zu vielen Häusern gaben Tafeln bekannt, dass Laden- oder Geschäftsräume in diesem Haus zu vermieten seien. Ich ging an den Schaufenstern der Kettenläden entlang, fand nur einen Billig-Lebensmittelmarkt und kaufte dort lustlos für mein Abendessen ein. Als ich die Glaserei betrat, lag mein Bild fertig gerahmt auf dem Arbeitstisch. Der Glaser packte es sorgfältig ein, und ich eilte durch den vorfrühlingshaft hellen Spätnachmittag zurück in die Wohnung.
Als ich mich zum Abendessen setzte, hing das Bild schräg gegenüber neben dem Fenster. Ich aß Nudeln mit wässerigen Gelben Rüben und faden Champignons, trank ein Glas Rotwein und betrachtete wieder einmal die heitere Szene.
Lag es am entspiegelten Glas oder an der neuen Beleuchtung? Neben dem Gartentisch, am rechten Bildrand, war ein Schatten. Ich stand auf, ging von vorn ganz nah an das Bild heran, dann einen Schritt nach links, einen nach rechts. Der Schatten blieb. Vielleicht war durch das Herausnehmen aus dem alten und das Einfügen in den neuen Rahmen Schmutz oder Feuchtigkeit aufs Foto gelangt. Ich hängte das Bild ab und betrachtete es unter starkem Lampenlicht erneut. Das Papier schien sauber und unversehrt, aber der Schatten blieb. Es sah aus, als hätte eine Person, die selbst nicht im Bild war, aber ihren Schatten warf, rechts von der Gruppe gestanden. Ich hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit Einräumen der Küchenschränke und des Bücherregals. Ich wollte die letzten Urlaubstage nutzen, denn sobald ich die Stelle im Krankenhaus angetreten hätte, würde ich von den neuen Aufgaben sicher zunächst so beansprucht, dass für anderes nicht mehr viel Zeit und Kraft blieben.
Erst am Abend betrachtete ich wieder das Bild. Bislang war mir nicht aufgefallen, dass das ältere der beiden Mädchen dick war. Übergewicht war damals bei Kindern und Jugendlichen noch längst nicht so häufig wie jetzt. Das Mädchen hat ein großes Stück Kuchen vor sich auf dem Teller und ist dabei, sich wieder einen Brocken in den Mund zu schieben.
Ich nahm meinen noch halb vollen Teller mit Hirse und Gemüse, stellte ihn neben der Spüle ab, holte die Zeitung und setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa.

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Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
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Mysteriöse Geschichten
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Gertrud Scherf: Perchtentanz

Perchtentanz

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Nein, ich beruhige mich nicht. Das täten Sie an meiner Stelle auch nicht. Die Sache ist höchst beunruhigend. Ich mache mir ja solche Vorwürfe. Ich hätte sie nicht überreden dürfen. Oder ich hätte sie deutlicher warnen müssen.
— Gut, ich versuche, nochmal alles von Anfang an zu erzählen.
In der Zeitung hatte ich gelesen, dass in diesem Jahr am 5. Januar auf dem Marktplatz ein Perchtenlauf stattfindet. Jetzt muss ich kurz ausholen, damit Sie wissen, wovon ich rede. Die Zeit zwischen dem Thomastag, also dem 21. Dezember, und Dreikönig ist die Zeit der Raunächte. Besondere Raunächte sind die Weihnachtsnacht, die Neujahrsnacht und eben die Nacht vor dem 6. Januar. Also, in diesen Nächten hat man geräuchert, um die bösen Geister zu vertreiben, aber vielleicht kommt der Name auch von Rauch, in der alten Bedeutung von Fell. In den Raunächten sind nämlich tiergestaltige oder Tier-Mensch-gestaltige Geister unterwegs – so der Volksglaube. Auch die Perchten gehören dazu. Es sind ursprünglich Fruchtbarkeitsgeister, wurden aber dann in christlicher Zeit immer mehr zu Schreckgestalten. Das hört sich jetzt für Sie vielleicht nach Volkskunde-Vorlesung an, aber ich glaube, die Informationen sind wichtig.
Jedenfalls, als ich vor ein paar Tagen mit Angela beim Abendessen saß, erzählte ich ihr von der Veranstaltung und machte den Vorschlag, am Samstagabend gemeinsam hinzugehen. Natürlich wusste ich, dass meine liebe Freundin für Volksglauben und Brauchtum, egal ob christlich oder heidnisch, wenig übrig hat. Sie ist halt durch und durch Naturwissenschaftlerin und lehnt es ab, sich mit solch esoterischem Zeug, wie sie es nennt, zu befassen. Ich erkläre ihr immer wieder, dass Volksglaube nichts mit Esoterik zu tun hat und dass es doch gut und richtig ist, wenn man in jüngster Zeit beginnt, sich wieder ein wenig mit den eigenen Wurzeln zu befassen.
An diesem Abend wollte sie mir wohl eine Freude machen, denn sie sagte nach kurzer Diskussion: „Meinetwegen, geh ich halt mit. Vielleicht wird es ja ganz lustig.“
Ich deutete ihr Entgegenkommen als immerhin schwaches Interesse. Deshalb erzählte ihr von den Raunächten, stellte Frau Percht vor, die Anführerin der wilden Gesellen, dazu auch Luzia, Frau Holle und andere mythische Gestalten der Mittwinterzeit, schilderte sie als Wesen, die ambivalent sind im Charakter, furchterregend und zugleich segenbringend, freundlich und bösartig, hilfreich und rachsüchtig, eben wie die meisten Dämonen im Volksglauben. — Ja, Sie haben recht, von diesen Dingen wissen die meisten Menschen heute nichts mehr – ist aber ein Fehler.
Angela hielt ihr Versprechen und so spazierten wir beide gestern Abend zum Marktplatz. Es dämmerte. In der kalten und klaren Luft wehte mich auf einmal ein eigenartiger Duft an: blumig-süß und zugleich etwas aashaft, ähnlich wie im späten Frühjahr die Weißdornblüten. Rasch war er wieder verschwunden und Angela schien gar nichts bemerkt zu haben – aber das gehört jetzt wohl nicht hierher? — Gut, wenn Sie meinen, erzähle ich alles, was mir zum gestrigen Abend einfällt.
Unterwegs berichtete ich Angela, was ich in der Zeitung gelesen hatte: dass es den Perchtenlauf hier im Markt erst seit einigen Jahren gibt, dass nicht sicher ist, ob er in früherer Zeit wirklich zum regionalen Brauchtum gehört hat. Das hat er übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit nicht; heute finden in vielen Orten Perchtenläufe statt, obwohl es sie dort nie gegeben hat. Schon als wir uns dem Marktplatz näherten, hörten wir Musik, Rufen, Schreien, schrilles Kreischen, Klatschen – wie es halt ist, wenn viele Menschen in angeregter Stimmung beisammen sind.

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Gertrud Scherf: Schlehenzeit

Schlehenzeit

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Ich hatte den Rest des Schlehenlikörs getrunken, nur noch ein halbes Likörgläschen voll. Eigentlich mochte ich jetzt am Nachmittag nichts Alkoholisches, aber wenn ich später neuen Likör ansetzen würde, sollte vom vorjährigen – er war gut geworden – nichts mehr im Haus sein. Auch in diesem Jahr, so hatte ich mir vorgenommen, würde ich Schlehen sammeln und verarbeiten und mir selbst, wieder einmal, zeigen, dass ich trotz der Trennung von Stefan weiterleben konnte wie zuvor.
Ich zog ein langärmeliges T-Shirt, die alte Jacke, modisch nicht mehr aktuelle Jeans aus festem Baumwollstoff sowie meine Gummistiefel an, nahm die Gartenhandschuhe und den Sammeleimer. Es war ein windstiller Nachmittag Ende Oktober mit einem bedeckten Himmel, durch dessen dünne Wolkenschicht bisweilen die fahle Sonne leuchtete. Ich ging den von Schafgarben und Leinkraut gesäumten Weg am Dorfrand entlang und dann auf dem schmalen Pfad zwischen Acker und Wiese hinunter zur Schlehenhecke. Dort war es warm und still; ein Rotkehlchen stimmte seinen Herbstgesang an.
Aus der schwarzgrauen Hecke leuchtete ein weißer Zweig: Schlehenblüten saßen auf ihm, dicht gedrängt und von Bienen umschwirrt. Die Blüten verströmten zarten, kaum wahrnehmbaren Duft, und einen Augenblick lang schien es mir Frühling zu sein.
Ich zog die Jacke aus und legte sie auf einen Stein hinter der Hecke. Die Sträucher hatten bereits einen großen Teil ihrer Blätter verloren und an den Zweigen waren die kugeligen dunkelblauen Schlehen gegen den milchigen Himmel gut zu sehen. In diesem Jahr trug die lange Hecke viele Früchte, sodass ich die Wildtiere nicht nennenswert berauben würde. Eine Schlehe nach der anderen pflückte ich von den Zweigen, durch Handschuhe und lange Ärmel vor den spitzen Dornen geschützt, und spürte, wie ein wenig Wärme von der Haut ins Innere drang.
Plötzlich schreckte ich auf. Ein Düsenjäger raste auf einem der verhassten Übungsflüge durch das Tal. Der Lärm tat weh, ich legte die Hände auf die Ohren, nachdem ich den Eimer abgestellt hatte. Als ich ihn wieder aufnahm, sah ich am östlichen Ende der langen Hecke einen Mann eine Frau umarmen. Ein Liebespaar, dachte ich, das die milde Herbststimmung nach vielen regenkalten Tagen in die Natur gelockt hat. Aber etwas stimmte nicht, denn die Frau schien sich heftig zu wehren. Ich sah ihren zum Schreien geöffneten Mund, aus dem jedoch kein Ton kam. Hektisch kramte ich im Rucksack nach dem Handy, ging dabei rufend auf die beiden zu – da sah ich ihre Kleidung: Der Mann trug hohe Stulpenstiefel, gelb-schwarz gestreifte Knie-Pluderhosen und ein gelbes weites Oberteil mit üppigen Schlitzärmeln. Der breitkrempige Hut mit einem aberwitzigen Federschmuck lag neben ihm, er war ihm wohl vom Kopf gefallen. Die Frau schien sehr jung. Sie trug ein dunkles, ärmlich wirkendes Gewand, einen langen Rock und eine gestrickte Jacke; Haube und umgestürzter Sammeleimer lagen im Gras. Jenseits der Hecke, dort, wo das Dorf liegt, stieg Rauch auf. Über die Schlehensträucher ragten Kirchendach und Kirchturm – wie immer von dieser Stelle aus zu sehen. Aber das war nicht der Turm mit der Zwiebelhaube, sondern ein wuchtiger, von einem Satteldach gekrönter Ziegelbau. Ein kalter Wind wehte, trieb Blätter über Weg und Wiese. Völlig lautlos näherten sich von Westen her drei Reiter dem anderen Ende der Hecke. Die mächtigen Federbüsche auf ihren Hüten wippten, riesige Gewehre lagen auf den Schultern. Die Gruppe wirkte trotz oder gerade wegen des völligen Stillschweigens – kein Hufgetrappel, keine Stimmen – so bedrohlich, dass ich mich in die dornige Schlehenhecke stürzte. Die Drei in ihrem seltsamen Aufzug ritten still und stumm an mir vorüber und ich schaute ihnen nach, weil ich hoffte, dass ihr Erscheinen der Bedrängnis der jungen Frau ein Ende bereiten würde. Ich kroch aus der Hecke, um mich der Hilfe der Reiter zu vergewissern. Mein Handy hatte ich nicht gefunden, es wohl wieder einmal daheim vergessen.
Anstelle des Weges zog sich, einige Meter nach Süden versetzt, eine von Löchern durchzogene Asphaltstraße von Ost nach West dahin. Ich schaute zu der jungen Frau und dem Gewalttätigen, aber beide waren verschwunden. Dort, wo sie miteinander gerungen hatten, stand eine drei oder vier Meter lange Schlehenhecke, die übrige Hecke gab es nicht mehr. Statt der baumumsäumten Wiese, die sich zwischen Hecke und Dorfrand erstreckt, sah ich eine Wohnsiedlung. Zwischen den Einfamilienhäusern krümmten sich Straßen und trennten baumlose Gärten voneinander. Die vermutlich als Rasen angelegten Flächen vor und zwischen den Häusern zeigten sich als Wiesen mit hohen Gräsern und verblühten Kräutern, dazwischen wuchsen Gehölze auf. Brennnessel, Berufkraut, Schafgarbe, Knöterich waren in die sicher einst von solchen Gewächsen frei gehaltenen Grundstücke eingezogen. An manchen Gartenmöbeln und Kinderschaukeln rankten sich Winden und Hopfen empor. Zerbrochene Fensterscheiben, von Herbstblättern übersäte Terrassen, als einziger sichtbarer Bewohner ein zum Skelett abgemagerter Hund, der vor einer Haustür lag und an etwas nagte. Am Kirchendach fehlten Ziegel.
Lautlos näherten sich ein junger Mann und ein Mädchen – jedes trug einen Eimer – der Rest-Schlehenhecke. Obwohl sie miteinander zu sprechen schienen, hörte ich keinen Ton.

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Gertrud Scherf
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Gertrud Scherf: Heimweg

Heimweg

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Wieder mal kein Taxi da. Das macht die Tageszeit, am frühen Abend wollen die Leute heim oder fort von daheim. Geh ich halt zu Fuß, ist auch nicht schlecht, ich sollt mich eh mehr bewegen, in einer Stunde müsste ich es schaffen. Da kann ich mich von dem Rauch und dem Aromagestank erholen. Ausgerechnet Ylang, aber die Bilder sollten wohl erotisch sein. Sogar Marianne hat das kapiert, weil sie vom untergründig Schwülen schwärmte. Töpfe und Bälle als Gebärmuttersymbole, Messer und Bananen für Penisse – schon toll. Das Gedränge ist hier draußen fast so schlimm wie drinnen. Warum können die Leute nicht ausweichen? Bin ich unsichtbar oder was? Aber ja doch, eng umschlungen und noch dazu mit Kinderwagen, das verleiht Bedeutung, da hat man Vorfahrt. Das grüne Kleid ist chic, kostet auch genug. Der Laden hat noch geöffnet, ich könnte es anprobieren, aber eigentlich mag ich gar nicht. Martina war ja wieder toll rausgeputzt, sie sollte wirklich keine kurzen Röcke tragen. Der Gerd hat jetzt einen Pferdeschwanz und der Rainer auch, dafür trägt der Christian Glatze.
Eigentlich hab ich gar keine Zeit, ich sollte schauen, dass ich heimkomme und mich endlich mit dem Projekt für das neue Schuljahr befassen. Einen Berg Unterlagen hab ich schon beisammen. Die Luft tut gut, riecht nach Herbst. Dass man das sogar hier riechen kann, bei all den Autos und Menschen. Wonach riecht der Herbst? Ein bisschen nach Erde und Blättern und noch nach etwas ganz anderem. In Gersau hat er jedenfalls einen ganz bestimmten Geruch gehabt. Wenn ich genau hinrieche, kann ich ihn sogar hier spüren, aber nur angedeutet und ganz flach. Jetzt muss ich sogar den Mantel aufmachen, so warm ist es.
Da singt eine Amsel, um diese Jahreszeit. Merkwürdig, dass eine Amsel so laut singt. Wo ist sie denn, ich kann sie nicht sehen. Sebastian wird es vermutlich kälter haben oder vielleicht auch nicht. Falls er anruft, frag ich ihn oder vielleicht auch nicht. Vor zehn oder zwanzig Jahren waren die Auslagen in dieser Straße weniger protzig, die Leute haben auch anders ausgesehen, die ganzen Obdachlosen und Bettler hat es nicht gegeben. Wann hat mir Sebastian den Brillantring bei Kruss gekauft, vor 12 Jahren?
Dreißig Schüler und das in einer 7. Klasse. Ich fühl mich heuer gar nicht erholt und jetzt hab ich nur noch eine Woche. Dabei, so ruhige Ferien hab ich schon seit Jahren nicht mehr gehabt. Ruhig war es ja eigentlich nicht, erst die Handwerker und dann jeden Tag was anderes. Warum war ich nach der Woche Schwiegermutter so fertig, sie ist doch wirklich lieb und verständnisvoll. Den Südtirol-Urlaub an Allerheiligen muss ich unbedingt bald festmachen, wenn sich nur Renate und Horst endlich entscheiden würden, ob sie mitfahren. Eigentlich wäre mir lieber, sie würden nicht mitfahren, beim letzten Mal war es schon recht schwierig mit Sebastian und Renate, weil die sich immer an Gescheitsein übertreffen müssen.
Jetzt sticht es wieder. Das muss schon etwas Ernstes sein, wenn es sich nicht gibt. Ist es der Darm oder die Bauchspeicheldrüse? Ich muss daheim gleich nachschauen, ob die Bauchspeicheldrüse so weit links liegt. Morgen meld ich mich beim Ultraschall an. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs geht es schnell dahin.
Ich schau furchtbar aus, der grüne Mantel steht mir überhaupt nicht, warum habe ich mir den gekauft. Was soll ich bloß mit den Haaren machen? Scheußlich so ein Schaufenster mit lauter Spiegeln und nichts drin als fünf Paar Schuhe ohne Preisschilder. Die schwarzen sind nicht schlecht. Ich hab schon genug Schuhe. Das Schlauchkleid mit dem Ausschnitt würde dem Sebastian sicher gefallen. Die vielen gelben Blätter jetzt schon an den Straßenbäumen, dabei ist es erst Anfang September. Groß sind die geworden. Die Lindlhofer Straße ist immer noch schön, das liegt auch an den Bäumen, durch sie stört der Verkehr weniger. Da war doch vor einiger Zeit noch eine Bäckerei drin, da hab ich einmal Semmeln gekauft, die waren sogar gut, und jetzt ist da ein Drogeriemarkt. Warum hab ich gerade da Semmeln gekauft, das weiß ich nicht mehr.
Diesmal lass ich mir keine zwei Nachmittage in der Woche aufhängen. Wenn der Forster so geplant hat, diesmal wehr ich mich. Diesmal muss ich es schaffen, und auch, dass er mir nicht wieder die ganzen Vertretungen überlässt. „Sie wissen genau, dass ich immer einspringe, wenn es brennt, ich mach immer klaglos alle Vertretungen, aber ich sehe überhaupt nicht ein, dass ich drei Jahre hintereinander zwei Unterrichtsnachmittage habe. Das kann jetzt auch mal jemand andern treffen.“

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Gertrud Scherf: Hüttenzauber

Hüttenzauber

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Spontane Entscheidungen sind mir zuwider. Deshalb wollte ich zunächst auch ablehnen, als Max mich am Telefon fragte. Nein, eigentlich hatte ich keine Lust, das verlängerte Wochen-ende mit ihm, Beate und Freund Reinhard auf einer Berghütte zu verbringen. Der 15. August, Mariä Himmelfahrt, war heuer an einem Freitag, und mir gefiel die Vorstellung, drei Tage für mich allein zu haben.
Überrascht hörte ich mich sagen, dass ich mitkommen würde. Vielleicht hatte ich zugesagt, weil ich mit dem Neinsagen noch immer Probleme habe oder weil ich hoffte, dass Wärme und Licht der späten Hundstage im Gebirge mir Kraft für Herbst und Winter geben würden. Kann auch sein, dass ich mich auf Toni freute, Max’ und Beates freundlichen Schäferhund.
Max schien meine Zusage viel zu bedeuten, wie ich erstaunt und vielleicht auch leicht geschmeichelt feststellte, er wirkte geradezu erleichtert. Mit ihm und Beate verband mich zwar seit Langem eine Freundschaft, die aber stets etwas distanziert geblieben war.
Mit Eifer in der Stimme erzählte Max, dass die Unterneh-mung eine Art Einweihungsfeier sein würde. Die Berghütte war erst vor einigen Monaten von seiner Firma gekauft worden, nein, eigentlich war es keine Hütte, sondern das teilweise erhal¬ten gebliebene Wohngebäude eines Bauernhofs, der einst zu einem kleinen Ort auf etwa 960 m Höhe gehört hatte. Das Ge¬bäude hatte man renoviert, aber es war gelungen, Charakter und Charme zu erhalten. Entstanden war eine recht komfortable Unterkunft, und die konnten die Firmenangestellten für einen geringen Betrag einige Tage mieten. Natürlich gab es Warte¬listen, aber – ich hörte den Stolz in der Stimme meines alten Freundes – die Zuteilung hatte schon auch mit Stellung und Bedeu¬tung in der Firma zu tun.
„Wir haben viel Platz“, sagte Max, „du bekommst selbstverständlich ein Zimmer für dich allein. Ich weiß ja, dass du auf so etwas großen Wert legst.“
Ich murmelte erfreut Zustimmendes und Max fuhr fort: „Allerdings führt keine Autostraße zum Haus. Wir müssen von der Endstation der Seilbahn etwa eine Stunde zu Fuß gehen. Es sind aber keine großen Steigungen zu überwinden.“
In der Hütte befänden sich Getränke und länger haltbare Lebensmittel, denn die Vorräte würden mit Hilfe eines Geländewagens immer wieder aufgefüllt.
„Wir müssen lediglich Brot, Milch, Butter sowie Obst und Gemüse in unseren Rücksäcken mitnehmen. – Beate reicht mir gerade einen Zettel: Kannst du am Dienstag zum Abendessen kommen, dann besprechen wir die Details.“
Beates Abendessen waren berühmt. Auch wenn ich das Gourmet-Getue ein bisschen nervig fand – es schmeckte mir jedes Mal besonders gut. Bei Kürbissuppe mit Räucherlachs und Lammschulter mit zarten jungen Bohnen beratschlagten wir, welche Lebensmittel eingekauft und mitgenommen werden sollten. Beate und Reinhard gaben den Ton an, denn sie wollten das Kochen übernehmen, was mir, und wohl auch Max, nur recht war. Wir beide beschränkten uns darauf, den Über¬schwang der Kochbegeisterten ein wenig zu dämpfen, indem wir zwischendurch darauf hinwiesen, dass wir alles würden in Rucksäcken tragen müssen. Nach einigem Hin und Her waren die Einkaufslisten fertig und wir besprachen, wer welche Lebensmittel besorgen und tragen sollte, wobei sich Max und Reinhard sehr ritterlich zeigten.
Am Freitag trafen wir uns am Parkplatz der Seilbahn-Talstation. Es war ein sonniger Augustmorgen, auf den Wiesen lag leichter Frühnebel, der den Abschied des Sommers ankündigte. Toni begrüßte mich begeistert. Unerschrocken betrat er mit uns die kleine schwankende, nostalgisch wirkende Kabine. Max erklärte, dass die Seilbahn schon über 60 Jahre alt sei, beruhigte uns aber mit dem Hinweis, dass alles dem neuesten Stand der Technik entspreche. Die Bergstation liegt auf knapp 1000 Meter, die Hütte auf 969 Meter Höhe. Ich war froh, dass ich meine festen Wanderstiefel angezogen hatte, denn der Weg war steinig und stellenweise morastig. Aber es gab nur wenige Steigungen und immer wieder boten sich schöne Ausblicke ins Tal. Wir waren zunächst im Schatten gewandert, doch hinter einer Linkswindung des Weges tat sich vor uns, gebreitet in helles Sonnenlicht, eine halbkreisförmig von Bergen umgebene Hochfläche auf.
„Was sagt ihr jetzt?“, fragte Max mit so viel Stolz in der Stimme, als hätte er den Anblick eigens für uns geschaffen. Er deutete hinunter auf das Ziel – die inmitten der grünen Fläche stehende Hütte.

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Patricia Koelle: Wo der Himmel wuchs

Wo der Himmel wuchs

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne„Heute kommt uns die Butterkeksoma nicht abholen“, hatte Wolfgang gesagt, damals, an irgendeinem jener langen Sommertage, als wir beide sechs waren und in derselben Klasse. Der kleine Wolfgang, der jeden so gefährlich treffend zeichnen konnte, und der ständig seine winzige Brille von der sommersprossigen Nase nahm, unterwegs irgendwo hinlegte und dort vergaß. „Sie ist jetzt im Himmel.“
Unwillkürlich sah ich nach oben, wo zwei Flugzeuge weiße Linien zeichneten wie die in meinem ungeliebten ersten Schreibheft. „Wie, im Himmel? Ist sie verreist?“
„Sie ist tot“, sagte Wolfgang seelenruhig, putzte seine Brille mit dem Ärmel, klappte sie sorgfältig zusammen und legte sie auf dem Zaun ab. „Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen, und jetzt ist sie im Himmel.“
Die Butterkeksoma war Wolfgangs Oma. Sie holte uns beide ab, weil mein Zuhause auf Wolfgangs Weg lag, und immer wenn sie uns zur Begrüßung umarmt hatte, zog sie mich spielerisch am Zopf, gab Wolfgang einen zärtlichen Klaps und dann bekamen wir einen Keks in die Hand gedrückt. Ich begriff dunkel, dass sie dies nun wohl nie wieder tun würde. Gab es im Himmel überhaupt Butterkekse?
„Stimmt es, dass man in den Himmel kommt, wenn man tot ist?“, fragte ich zuhause meine Mutter.
„Wer weiß“, sagte Mutter. „Lass deine Schuhe bitte nicht wieder im Flur liegen!“
Meinen Vater brauchte ich gar nicht erst zu fragen. Er fand, dass Kinder sich über gewisse Dinge keine Gedanken zu machen brauchten. Das hatte ich bisher auch nicht getan. Wohl wusste ich, dass meine Mutter einmal Brüder gehabt hatte, die nicht aus dem Krieg wiedergekommen waren, dafür aber hin und wieder wie Gespenster in einer gewissen Traurigkeit umherhuschten, die sie manchmal befiel. Wenn dieses dunkle und unverständliche Ereignis Krieg nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar Opas und Onkels gehabt wie manche anderen Kinder. Doch bei uns wurde über Dinge, die man nicht ändern kann, nie gesprochen. Und so dachte ich zunächst tatsächlich kaum über diesen Himmel nach, von dem Wolfgang erzählt hatte. Nur wenn ich Butterkekse aß, fiel er mir gelegentlich ein.
Doch drei Jahre später war es Wolfgang selbst, der in den Himmel kam. Er hatte seine Brille auf einer Schaukel liegen lassen und war vor einen Bus gelaufen. Ich versuchte, ihn zwischen den unruhigen Septemberwolken zu entdecken, doch der Himmel schien furchtbar weit weg.
Seltsamerweise war es mein Vater, der mich zu trösten suchte, indem er mich nachts auf den Balkon mitnahm und mir die Sternbilder erklärte. „Das ist der Große Wagen, dort der Schwan und hier die Kassiopeia, auch das Himmels-W genannt.“ Es half mir tatsächlich etwas; ich fand, die Sterne schienen ein wenig tiefer und somit erreichbarer als der Himmel bei Tag. Doch das riesige leuchtende „W“ verfolgte mich bis in meine Träume. „Wer weiß?“, schien es zu sagen. „Warum? Wo?“ Offenbar hatte selbst der Himmel offene Fragen. Große Fragen. Ich konnte immer noch nichts mit ihm anfangen, nicht mit dem Himmel der Toten. Mein Himmel war der, in den ich meinen Drachen steigen ließ und gegen meine Vorstellungskraft hoffte, dass Wolfgang sich von oben herunterbeugen und ihn von der Schnur pflücken würde, wenn sie nur lang genug war. Er tat es nicht, und ich begann zu glauben, dass er sich geirrt haben musste.
Doch dann fuhren wir in den Ferien meinen mir bis dato unbekannten Großonkel besuchen, der auf einer Nordseeinsel lebte. In der Stadt hatte Frühsommerhitze gewichtig in den staubigen Straßen gelegen und das Atmen schwer gemacht. Die vom Seewind umwehte Insel wirkte dagegen leicht wie ein Gedanke, der im nächsten Augenblick verschwunden sein könnte.

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Diese Geschichte stammt aus in dem Buch/eBook
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

 

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Himmel, Oma, Butterkekse,

Gertrud Scherf: Gelbveigelein

Gelbveigelein

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten„Gehen Sie da rauf bis zum Waldrand, oben rechts weiter. Nach ungefähr 50 Metern müssen Sie links abbiegen, diesen Weg sieht man nicht so gut, dann geht es noch einmal steil bergauf und oben halten Sie sich rechts. Dann kommen Sie zur Kapelle. Ich war schon länger nicht mehr dort. Früher bin ich gern zu den Maiandachten gegangen, aber die gibt es schon lang nicht mehr und ich mit meiner Hüfte könnte auch nicht hingehen.“

Claudia und ich hatten unten im Ort den etwas verwitterten Wegweiser „Kapelle Maria Rast“ gesehen. Da wir beide gern solche kleinen Flurdenkmale anschauen, hatten wir beschlossen, vor der Heimfahrt noch zur Kapelle zu gehen. Aber die Suche war etwas mühsam geworden und wir hatten unseren Plan fast aufgegeben, als wir vor einem der letzten Häuser des kleinen Marktes – es lag bereits am Hang – die alte Frau im Garten sahen und sie nach dem Weg fragten.

Im Wald standen die Buchen in frischem zartgrünem Laub, die Frühblüher – Bärlauch und Buschwindröschen – waren am Vergilben. Wir wandten uns nach rechts. Mehrere Wege oder wegähnliche Spuren führten links hinauf. Claudia wollte der ersten Spur folgen, aber weil von uns beiden meist ich sicherer in der Orientierung bin, war sie sofort einverstanden, die nächste Spur zu nehmen. Wir erreichten einen lang gestreckten Höhenrücken und den auf ihm entlang führenden schmalen Höhenweg. Auf beiden Seiten fiel das Gelände steil ab. Bald wurde der Weg breiter, verließ den Höhenrücken und zog sich auf der Südseite talwärts. Nach etwa 500 Metern erschien rechts des Weges ebenes Gelände, das von einem löcherigen und verrosteten Zaun umgeben war. Während ich noch überlegte, taxierte Claudia: „Ein Tennisplatz mitten im Wald, merkwürdig.“

Beim Näherkommen sahen wir die Reste des Netzes. Auf dem rötlichbraunen, kiesig-sandigen Boden sprossen einzelne Grasbüschel, auch ein Ahornbaum versuchte emporzuwachsen. Größere und kleinere dunkle Asphaltbrocken lagen auf dem Weg, der auf einer Seite von rostigen Straßenlampen mit zerbrochenen Leuchten gesäumt war. Bald tauchte zwischen den Bäumen ein großes Gebäude auf.

„Siebzigerjahre“, schätzte ich, als wir die Rückseite des Bauwerks betrachteten. „Damals gab es hier eine gewisse Aufbruchstimmung. Man glaubte, der Fremdenverkehr würde Geld in die arme Gegend bringen. Hotels und Straßen wurden gebaut. Aber der Aufschwung dauerte nur ein paar Jahre, dann ließen sich die Leute lieber von Billiganbietern in den Süden fliegen. Die meisten Hotels dürften heute nicht mehr in Betrieb sein.“

Wir gingen an der Westseite des Betonkomplexes entlang und erreichten die nach Süden ausgerichtete Vorderseite. Teilweise verdeckt von jungen, hoch empor gewachsenen Bäumen lag vor uns das frühsommerliche Tal. Ich genoss die Aussicht, aber Claudia sog die Luft ein und murmelte:

„Da steh’ ich, ach!, mit der Liebe mein,
Mit Rosen und Gelbveigelein!
Dem ich alles gäbe so gerne,
Der ist nun in der Ferne.“

„Wovon redest du?“, fragte ich, erwartete aber aus Erfahrung nicht unbedingt eine Antwort. Doch Claudia war mitteilsam gestimmt und erklärte: „Es riecht nach Goldlack. Der wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Gelbveigelein genannt. Leider weiß ich nur noch die letzte Strophe des Gedichts. Ist, glaube ich, von Ludwig Uhland.“

Claudia hat einen sehr ausgeprägten Geruchssinn, wittert und spezifiziert angenehme wie abstoßende Düfte, meist ehe ich sie wahrnehme.

Wir wandten uns der Front des Hotels zu. Sie präsentierte sich im nicht passenden alpenländischen Stil und zeigte deutliche Verfallserscheinungen: abplatzender Verputz, verblichene Holzverkleidungen, Bäumchen in der Dachrinne.

Nun wehte auch mich lieblicher Blütenduft an. Ein Beet vor einem der fast ebenerdigen Balkone leuchtete in Gold-, Orange- und Brauntönen.

„Ist das nicht wunderschön!“, rief Claudia, als wir uns näherten. „Heute ist Goldlack ziemlich aus der Mode gekommen. So viel auf einmal habe ich noch gar nie gesehen.“

Das Beet mit den die vielen Blüten über dem dunkelgrünen Laub erschien wie eine Insel zwischen all den vernachlässigten Flächen, und der blumige, aber nicht süßliche Duft wirkte sehr anziehend.

„In England, Frankreich und Spanien hatte Goldlack die Bedeutung ‘Treue in der Not’ und in alten deutschen Volksliedern ist er Symbol trauernder Liebe.“

Ich staunte wieder einmal über die Pflanzenkenntnisse meiner Freundin. Ihr, die stets modisch gestylt ist und immer hinreißend aussieht, würde man so profundes Wissen um kulturgeschichtliche Zusammenhänge auf den ersten Blick nicht zutrauen.

„Trauernde Liebe hin oder her“, sagte ich, „jetzt pflücken wir uns ein paar von den Blumen. Ich hoffe, sie halten sich in der Vase.“

Beide bückten wir uns hinunter. Aber die Stängel des Goldlacks sind fest und zäh, und so hatten wir jeweils eine Pflanze samt Wurzel in der Hand.

„Lassen Sie bloß Ihre Finger vom Goldlack.“

Auf dem Balkon über dem Beet stand ein älterer Mann und schaute uns streng an. Wir waren so überrascht, dass wir zunächst gar nichts sagten. Schließlich stammelte ich: „Entschuldigung.“

Er schloss die Goldknöpfe seines dunkelblauen Blazers, den er zu einer grauen Flanellhose trug. Durch unsere Reaktion offenbar etwas besänftigt sagte er: „Diese wunderbaren Pflanzen darf niemand ausreißen. – Haben Sie das schöne Wetter zu einem Spaziergang genutzt?“

Claudia erklärte, dass wir die Kapelle „Maria Rast“ gesucht hätten und fragte unseren Gesprächspartner, ob er sie kenne.

„Ja“, sagte er und strich eine graue Haarsträhne zur Seite, „ich war einmal dort. Das heißt, wir waren einmal dort – ist noch gar nicht so lang her.“

„Können Sie uns vielleicht beschreiben, wie wir hinkommen? Wir haben unten im Ort gefragt, aber irgendwo haben wir uns verirrt“, sagte ich.

Er ging nicht darauf ein, sondern schaute über das Tal.

„Ich warte auf jemanden, sie müsste bald kommen. Vielleicht haben Sie eine schöne Frau mit langen braunen Haaren gesehen?“

Wir verneinten.

„Sie freut sich sicher, wenn sie den aufgeblühten Goldlack sieht und riecht.“ Er dämpfte seine Stimme. „Goldlack ist ihre Lieblingsblume. Sie nennt ihn Gelbveigelein. Wir haben uns hier im Hotel kennengelernt. Sie ist wie ich zur Erholung hier.“ Wieder strich er die Strähne aus der Stirn.

Ich schaute Claudia an und sie schaute unseren neuen Bekannten an. „Wir müssen wieder hinunter“, sagte sie und deutete talwärts, aber der Mann redete weiter.

„Das Hotel ist wirklich gut. Schöne, moderne Zimmer und das Essen ist hervorragend. Manchmal spielen wir oben auf dem Platz Tennis. Auch den Swimming-Pool nutzen wir gern. Wo sie nur bleibt? Es gibt ja bald Abendessen. Vielleicht ist sie schon in ihrem Zimmer und ich habe sie gar nicht kommen sehen. Hat mich gefreut, meine Damen, und lassen Sie bitte den Goldlack in Ruhe.“

Er drehte sich um und verschwand ins Dunkel des Zimmers. Die rasch geschlossene Balkontür glühte im Licht der tief stehenden Sonne. Über die Glasscheibe zog sich ein Sprung – von der linken oberen Ecke hinunter zur Mitte der gegenüberliegenden Seite – und teilte sie in ein Dreieck und ein Viereck. Ich schaute auf das Beet mit dem im Sonnenlicht leuchtenden Goldlack.

„Gelbveigelein sind zäh“, sagte Claudia. „Sie brauchen wenig Wasser, säen sich selbst aus und können lange Zeit am selben Platz bleiben. Manchmal findet man sogar bei Burgruinen noch Goldlack, der aus dem alten Burggarten stammt.“

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Unser Buch/eBook-Tipp
Diese Geschichte stammt aus dem Buch/eBook
Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Gelbveigelein, Goldlack, Pflanzen, Signaturen, mysteriöse Geschichte, mysteriös

Karin Reddemann: Über das Klauen

Über das Klauen

© Karin Reddemann

Blacky hatte einen wirklich schönen Apfel im Maul. Sie war eine Zicke und nahm sich, was sie wollte. In diesem Fall wohl die Frühstücksvitamine eines ausgehungerten Arbeiters, die dieser unbeaufsichtigt im Bauwagen am Ende unseres Hohlwegs, direkt am alten Friedhofshäuschen, gebunkert hatte. Zum vernünftigen Verzehr, natürlich.

Ich musste mir die Frage gefallen lassen, warum diese kleine, leicht korpulente, erstaunlich flotte schwarze Hündin ständig an diesem Wagen herumlungerte.

„Hat Ihr Köter meinen Apfel geklaut?“ Ich sagte „Nö“, machte einen auf empört, weil ich es nicht mag, wenn jemand meinen Hund als Köter bezeichnet. Insgeheim schämte ich mich. Ich hatte Blacky, die gern ihre Alleingänge machte, schließlich auf frischer Tat ertappt. Dieser rote, knackige Apfel gehörte einwandfrei nicht ihr.

Schwamm drüber. Bis zum nächsten Tag. Mein Großvater liebte es, mit Blacky spazieren zu gehen und sie dann nach seiner Visite im Wacholderhäuschen mal so eben zu verlieren. Kurz nach Mittag trudelte sie ohne Leine und Opa ein, trug aber ein Papiertütchen, das zwischen ihren Zähnen klemmte. Sie gab es mir ungern. Es war ein Käsebrötchen. Mit Salat, Salami, Remoulade und gewürzter Tomate.

Natürlich war mir bewusst, wo sie sich das, prinzipiell bargeldlos, was für einen Hund üblich ist, besorgt hatte. Ich kenne mich da aus. Meine Schwester hat nach der Schule Schnuller und Teufelchen aus Gummi bei Bromsky schräg gegenüber klammheimlich eingesackt. Miene Bromsky war halt nicht mehr auf Zack. Die trödelte nur an der Kasse herum und guckte nicht. Meine böse große Schwester, die später Jura studierte, nutzte das hemmungslos aus.

Gut, das Brötchen setzte mir zu. Ich bin eine ehrliche Seele. Ergo ging ich beschämten Hauptes zum Bauwagen, die Männer teerten unseren Weg – Opa behauptete immer: „Ist sowieso meiner.“ -, hatte die schwarze Diebin an meiner Seite und wurde sofort angeranzt: „Ach nee, die Mafia.“

Ich zahlte brav das neue Brötchen, ging halbwegs aufrecht von dannen, schimpfte ein bisschen mit Blacky und verzieh ihr. Dieser Blick. Man kann nicht lange böse sein.

Am dritten Tag transportierte sie einen Beutel mit drei Frikadellen inklusive Senfpäckchen auf unseren Hof, wollte ihn sich partout nicht wegnehmen lassen und machte einen auf Pitbull.

Mein Opa, der etwas viel später eintraf, fand das großartig: „Die sorgt für sich selbst. Säuft auch Korn und Bier, wenn sie Durst hat.“

Gefiel mir nicht so ganz, was mein ansonsten von mir geschätzter Großvater da von sich gab. Machte er meinen Hund besoffen und damit unberechenbar? Zum eiskalten Dieb?

Gottlob zogen die Bauarbeiter endlich ab, freilich nicht, ohne mich zu fragen: „Und, wie waren die Buletten?“

Hart. Als wenn ich die gefuttert hätte! Wie die Pfefferminzdrops meiner Freundin Claudia. Fragt die mich, wo ihre Bonbons sind, die hätten in ihrer Tasche gesteckt. Ich schaue nur Blacky an und schnuppere. Verdammt frischer Atem.

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Ein ganzes Buch voller Geschichten von Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag

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Noch mehr von → Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Dieb, Klauen, Hund, Tiergeschichte, Hundegeschichte

Angelina de Satura: Wer ist Paul?

Wer ist Paul?

© Angelina de Satura

Ein Mann meines Alters, geschieden und Vater zweier Kinder. Er wohnt eine Mini-Luftlinie von mir entfernt und antwortete überraschend spät auf meine Single-Anzeige.

Sein Brief war besonders, er schrieb mit Füllfederhalter. Ich war ihm diese Mühe wert.

Die romantische Note, er trug Datum plus Uhrzeit ein. Ich wusste genau wann er an mich gedacht hatte.

Mit galantem Vorschlag, meine Telefonnummer durch SMS mitteilen. Ein Kavalier der selbstverständlich die Rechnung übernimmt.

Er rief zurück, ich mochte seine Stimme mit orttypischem Dialekt. Wir trafen uns spontan, nachdem sein Auto endlich aus der Werkstatt kam, zwei Tage nach unserem geplatzten ersten Date.

Unser Erkennungszeichen: Werde wohl in der Dorfkneipe als einziges Weib am Tisch sitzen.

Ich ging früher hin, und bestellte, so seine Bitte, auch einen Kaffee für ihn.

Ein Fremder trat in der fast leere Gaststätte ein. Groß, dunkles Haar, starke Ausstrahlung. Nachdem er seine Jacke anziehend auszog, erkannte ich eine Statur ganz nach meinem Geschmack.

Wir lächelten verlegen und begrüßten uns mit feuchtem Händedruck. Wir waren zweifellos keine Profis für diese Art des Kennenlernens.

Er nahm gegenüber Platz. Also kein aufdringlicher Typ.

Unser Getränk auf den kleinen runden Tisch gab uns die Möglichkeit uns näher zu kommen, Ellenbogen nah. Während unseres Gesprächs lehnte sich keiner von uns zurück, um auf Distanz zu gehen.

Er erwähnte seine Exfrau als Mutter seiner Kinder, sonst nicht. Kein Opfer enttäuschter Liebe und in Selbstmitleid wälzend, der jedem die Schuld gab, nur sich nicht.

Hat coole Ansichten über Elter sein. Würde auch seine Meinung teilen, wäre ich nicht die Alleinerziehende.

Ist Nichtraucher, toleriert aber eine tabaksüchtige Partnerin. Unmöglich, wer küsst schon freiwillig einen Aschenbecher wenn der Alltag das Verliebt sein verformt.

Fährt jeden Sonntag lange Strecken mit dem Fahrrad. Mein Drahtesel ist platt und rostet vor sich hin.

Wohnt bei seinen Eltern. Alarm Stufe 4: Mann sucht neues Zuhause?

Dort hat er den Keller als Fitnessraum umgestaltet. Handwerklich begabt!

Er trainiert dort jeden Abend und wünscht sich eine Partnerin mit dem gleichen Ehrgeiz fit und schlank zu bleiben. Ich kenne erotischere Körperübungen zu zweit, auch kalorienvernichtend.

Mein Handy vibriert. Habe meine Tochter gebeten sich nach einer halbe Stunde zu melden, sollte ich zu höflich sein das Weite zu suchen.

„Hallo Mama! Und, wie ist mein neuer Papa?“

„Was hat der Kleine angestellt?“, fragte ich empört.

„Aha … zu hässlich“, stellte sie fest.

„Auf keinen Fall!“, antwortete ich rigoros.

„Darf ich mit meinen Freundinnen vorbeischauen?“, bettelte sie.

„Kommt nicht in Frage! Bin gleich da!“ und legte auf.

Er rief: „Zahlen!“ Half mir in den Mantel, eine günstige Gelegenheit den typischen Männer Röntgenblick im Schnelldurchlauf zu starten und hielt mir, frech grinsend, die Tür auf.

Draußen war es schon dunkel. Der Himmel ließ mit große, dicke, weiße Flocken die Häuser der Umgebung verschwinden. Zahlreiche Autos bildeten eine Lichterkette und zischten laut mit Spritzgefahr durch die schneematschige Hauptstraße. Wir standen auf einem spärlich gestreuten Bürgersteig. Ich nahm die Chance wahr uns auf französische Art zu verabschieden, obwohl ich seit Jahrzehnten in Deutschland wohne. Dabei staunte ich, wie weit meine Arme um seine breite Schulter auseinander blieben. Als ich seine Wange küssen wollte, musste ich auf Zehenspitze stehen. Er unterstützte mich instinktiv mit festem Griff um meine Hüfte. Er roch nach eine verführerische Mischung aus dezentem Aftershave und einen Hauch betörendem Eigenduft.

Tja … das war Paul!

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Angelina de Satura, Paul, Date, Papa, Mann

Patricia Koelle: Ein unvergesslicher Familientag

Ein unvergesslicher Familientag

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: FrühlingsgeschichtenEs war ein ungewöhnlich heißer Tag Anfang Mai, einer der heißesten in jenem Jahr, als Oma Friederika in die Küche gehumpelt kam und aufgeregt nach meinem Vater rief. „Georg“, sagte sie undeutlich und wedelte mit den Armen, als wollte sie ein Orchester dirigieren, „Oh Georg, du musst mir helfen, meine Zähne sind in die Jauchegrube gefallen!“

„Ach du liebes Lieschen“, sagte Vater, „wie hast du das denn fertiggebracht?“

„Na, ich musste mal verschwinden, und dabei hab ich gemerkt, dass ich noch Kraut zwischen den Zähnen hatte. Ich hab sie rausgenommen und in dem Moment sprang der Kater auf dem Dach, ich hab mich erschrocken und da sind sie mir aus der Hand gefallen.“

Ich versuchte, unauffällig auszusehen, denn es war nicht der Kater gewesen auf dem Dach vom Plumpsklo, sondern ich. Man hatte so eine gute Aussicht von da oben.

Vater atmete tief durch und setzte sich hin. „Franz“, sagte er dann zu mir, „Geh, such die Onkels, sie müssen herkommen und helfen.“

„Die sind doch bei der Spargelernte.“

„Egal, sag ihnen, es ist ein Notfall.“

Ich rannte auf die Felder. Mein kleiner Bruder Hannes sauste hinterher.

„Onkel Rainer“, japste ich, „du musst kommen, es ist ein Notfall!“

„Wie?“, rief er erschrocken und ließ den Spargelstecher fallen.

„Oma hat ihre Zähne in die Jauchegrube geschmissen, es ist ein Notfall, sie kann ja ohne Zähne nicht essen!“

„Du lieber Himmel“, sagte er, „das ist wohl eher ein Notfall, weil das Ding so teuer war.“

Er packte seine Werkzeuge zusammen und folgte mir. Zum Glück musste ich nicht noch aufs andere Feld rennen, um Onkel Julius zu holen, denn Onkel Rainer Brinlinger konnte durch seine zwei schiefen Vorderzähne so laut pfeifen, dass man es noch auf den drei Nachbarhöfen hörte. Er pfiff aber nur, wenn etwas ganz Wichtiges passiert war, das keinen Aufschub duldete. Wenn Onkel Rainer pfiff, ließen sämtliche Familienmitglieder alles stehen und liegen und eilten herbei. Allerdings weckte dieser allbekannte Pfiff auch die Neugier der Nachbarn. So standen in kurzer Zeit nicht nur unsere Familie wie die Orgelpfeifen um die Jauchegrube, sondern auch Familie Gubben, Familie Döbrich und das Ehepaar Kätner samt ihrer Opas und Omas, die froh waren, dass es nicht ihr Gebiss war, das in der Jauchegrube lag. Oma Friederika ihrerseits wusste nicht, ob sie ihrer plötzlichen Berühmtheit wegen im Erdboden versinken oder irgendwie stolz sein sollte.

Die Jauchegrube verströmte bei der Hitze einen besonders überwältigenden Geruch, aber selbst eine übelriechende Abwechslung war aufregender als die tägliche Spargelernte. Wir Kinder waren begeistert. Hannes ließ den Daumen nicht mehr aus dem Mund, meine Schwester Katharina hüpfte auf und ab, und die Nachbarskinder saßen im Halbkreis im Gras, als erwarteten sie eine Zirkusvorstellung. Falls es doch langweilig werden sollte, hatten sie ihre Murmeln mitgebracht.

In den Onkels unterdes war das Jagdfieber erwacht. Eine Safari, wie Urgroßvater Emil sie einst im Kongo erlebt hatte, würde ihnen nie vergönnt sein, aber nun konnten sie wenigstes ein flüchtiges Gebiss in der Jauchegrube jagen.

Nachmittagshitze legte sich über den Brinlingerhof wie ein nasses Tuch. Die Obstbäume standen in dicker Blüte und streuten mit jedem schwachen Windhauch weiße Konfetti. Hummeln brummten, als hätte Onkel Julius vergessen, den Traktor auszuschalten. Am Horizont lauerten dunkle Wolken, die ein späteres Gewitter versprachen, und der klebrige Gestank aus der Jauchegrube kämpfte verbissen mit den hellen Honigduftwolken der Obstbäume. Das Ergebnis war der einzigartige Geruch eines Kindheitssommernachmittages, der mir heute deutlicher und lebendiger vor Augen steht als das brave Familienportrait, das in der Diele hängt. Alle waren da, alle packten mit an, und ich weiß nicht, ob mehr geflucht oder mehr gelacht wurde. Mein Vater schickte mich, im Schuppen alte Siebe zu suchen. Onkel Rainer holte den Jauchewagen und Tante Meta half ihm, die Fässer daraufzuwuchten. Onkel Julius diskutierte mit Nachbar Willi Gubben, welches Feld man denn schon wieder düngen könne, ohne dass die Saat Schaden nähme. Vater holte die merkwürdigen Eimer an langen Stielen, mit welchen man die Jauche aus der Grube in die Fässer schöpfte. Einer war undicht, und die Jauche lief ins Gras. Klein Katharina, für einen Moment unbeaufsichtigt, patschte prompt barfüßig hinein und rutschte aus, worauf Onkel Rainer sie kurzerhand in die Regentonne tauchte, ehe Mutter eingreifen konnte.

Die Männer kamen mächtig ins Schwitzen, während sie Kelle um Kelle die Jauche vorsichtig durch die Siebe in die Fässer gossen. Der Pegel in der Grube sank nur träge, obwohl Willi Gubben, Hein Kätner und sogar der alte Dobrich die Onkels gelegentlich ablösten. Wir fanden es herrlich aufregend, denn nicht nur manch pikante Geschichte wurde beim Schöpfen erzählt. Es tauchte auch Interessantes in der Jauche auf. Die gespenstischen Reste eines alten Fischbeinkorsetts. Die Mumie eines Lederfußballs. Natürlich das spitze Wrack eines Regenschirms. Einige vollständige Froschskelette. Auch mehrere Murmeln fanden sich zu unserer Begeisterung, die ein uns unbekanntes Muster trugen, aber vollständig in Ordnung waren. Selbst eine ganze Wachstuchtischdecke tauchte auf und ein verrosteter Wetterhahn, von dem der alte Dobrich meinte, man könne ihn wieder auferstehen lassen. Es gab sogar einige größere Knochen, die mein Vater unbekümmert als Rinderknochen abtat, von welchen Willi Gubben, der zur See gefahren war und gern mal ein Garn spann, aber versicherte, sie wären Teil eines Menschen gewesen. Wir glaubten es sofort.

Omas schlechtes Gewissen brachte uns einen ungeheuren Kuchenkorb ein und, als schon die Dämmerung und das Gewitter sich drohend über uns senkten, eine ebenso große Platte mit frischen Leberwurstbroten. Die Großen hatten ob der unappetitlichen Arbeit nicht wirklich Hunger, aber wir Kinder machten das problemlos wett. Als Oma aber zum Trost noch ein Fässchen Most öffnete, wurden die Erwachsenen mit der gleichen Geschwindigkeit heiterer wie schmutziger. Keiner mehr, der nicht von oben bis unten die glitschigbraune Farbe der Jauchegrube trug.

Wenn die Fässer voll waren, spannte Vater den Major vor den Karren und fuhr mit Onkel Rainer aufs Feld, die Jauche verteilen. Für Major war der Geruch etwas zu durchdringend und die Männer etwas zu lustig, so dass er einmal durchging und die Fässer ein falsches Feld düngten. Zum Glück hatte Nachbar Kätner da schon zu oft von dem Most gekostet, um wütend zu werden. Um die Stimmung noch zu verbessern, spielte der alte Dobrich auf seiner Mundharmonika und wurde dabei zusehends jünger. Die Frauen, umschwärmt von Stechmücken, fingen an zu singen, junge und alte Stimmen mit schiefen Tönen darunter, die sich doch einig waren.

„Hoffentlich regnet es noch nicht“, jammerte Oma, als eine Windbö ein Blütenblattgestöber auslöste und der erste Donner die Jauchefässer blechern erzittern ließ.

Katharina war auf einem Haufen Stroh eingeschlafen und Vater wollte gerade Laternen suchen, als die Onkels den letzten Unrat vom Boden der Jauchegrube kratzten. Da stieß Onkel Rainer ein Triumphgeheul aus – „Ich habs!“ – und hielt ein triefendes Objekt hoch, an dem eine nasse Rabenfeder, Pferdehaare und zwei weiße Blütenblätter hingen. Nach einem Tauchbad in der Regentonne kam tatsächlich Omas Gebiss unversehrt zum Vorschein.

Müde, aber zufrieden wurden wir Kinder und die Gerätschaften eingesammelt. Die Erwachsenen stießen noch einmal auf den Erfolg an, ehe sich alle trollten.

Am nächsten Morgen kam Oma mit hängendem Kopf in die Stube. „Georg, Anna“, murmelte sie, „erschlagt mich nicht.“

Sie hielt uns ein so gruseliges Objekt entgegen, dass Katharina zu weinen anfing und selbst Vater zusammenzuckte. Aus einer klumpigen, verschmolzenen rosa Masse stachen in alle Richtungen unregelmäßig Zähne hervor, manche davon dunkelbraun mit schwarzen Stellen.

„Ich wollte es doch desinfizieren“, sagte Oma kleinlaut, „und da hab ich es gekocht.“

Vater starrte einen Moment sprachlos auf das Unding.

Dann fing er an zu lachen, und dieser Lachanfall ist bis heute legendär im Dorf, denn er war noch weiter zu hören als Onkel Rainer Brinlingers Pfiff.

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Diese Geschichte gibt es auch in dem eBook
Patricia Koelle: Frühlingsgeschichten
Patricia Koelle
Frühlingsgeschichten
Amazon Kindle Edition
ASIN B0074257I2

Frühlingslaune zum Lesen!
Im Frühling und diesen Geschichten wachsen Blumen, Hoffnung, Sehnsucht und Merkwürdiges. Auf dem Friedhof erscheinen Schriftzüge auf dem Rasen. Ein Schneeglöckchen macht Frank klar, was sein bester Trumpf ist. In einem Dorf treiben Papierschiffchen mit einer ungewöhnlichen Fracht die Hauptstraße entlang. Durch das Leeren einer Jauchegrube wird aus einem Notfall ein unvergesslicher Familientag. Die dreiundneunzigjährige Lene besiegt auf ihre Art die Zeit. Ein Pärchen verliert etwas, das sie nie wiederfinden werden und das ihnen dafür zu einem anderen Reichtum verhilft. Ein hartnäckiger Fasan rettet Adrian das Leben und weist ihm den Weg in eine unerwartete Zukunft.
Im Frühling ist alles möglich!


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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Familientag, Frühling, Frühlingsgeschichte

Eva Markert: Afrika sehen und sterben

Afrika sehen und sterben

© Eva Markert

Ganz deutlich hört er Trommeln und kehligen Gesang. Männer bewegen sich dazu im Kreis. Selbstvergessen geben sie sich dem Tanz hin, getragen von rhythmischem Stampfen und Klatschen. Schweißperlen auf dunkler Haut glitzern im Sonnenlicht. Die Frauen des Dorfes haben sich Tücher in leuchtenden Farben um die Hüften geschlungen. Lebensfreude pur. Unbeschwertheit. Kinder spielen im Schatten der Lehmhütten. Eine große, eine glückliche Familie.
Die Bilder schieben sich übereinander und verschwimmen. Es wird immer schwerer, Gedanken festzuhalten. Das Lächeln, das eben noch auf seinem Gesicht lag, verflüchtigt sich.
Und immer war er überzeugt gewesen, dass er noch Zeit hätte, noch so viel Zeit!

Die Hitze klebt am Körper. Irgendwo tropft Wasser. Die feuchte Luft riecht nach Erde und ein wenig modrig. Im grünen Halbdunkel des Regenwaldes kämpft er sich voran. Kein Sonnenstrahl durchdringt das dichte Blätterdach. Doch das Leben um ihn herum explodiert. Affen kreischen in den Bäumen, Vögel zwitschern und pfeifen, bunte Papageien setzen herrliche Farbtupfer im saftigen Grün, und der Anblick süß duftender Blüten benimmt ihm fast den Atem. Käfer und Ameisen schwärmen über den Waldboden. Versteckt unter üppigem Gebüsch lauert eine grüne Mamba auf Beute.
Tief in seinem Inneren wütet der Schmerz. Er ist immer da, doch er kann nicht bis zu ihm durchdringen. Noch nicht.
Und immer hatte er gedacht, es wäre noch Zeit, noch genug Zeit.

Weiße Wolken, die über die endlose Weite der Savanne ziehen. Hier und da spärlicher Schatten, ein Baum, ein dorniger Strauch, ein trockener Busch. Zebras, Elefanten, Gazellen, die in großen Herden über die Ebene ziehen. Weithin sichtbar die Giraffen. Tiere, die an einem Wasserloch friedlich beieinander stehen und trinken: Im Wasser die gefräßigen Krokodile, an den Boden geduckt ein jagender Löwe, bereit zuzuschlagen. Der Kampf ums Überleben – ein atemberaubendes Schauspiel!
Sein Unbehagen wächst. Er stöhnt und wirft den Kopf hin und her. Der Schmerz lässt erste kleine Messerspitzen aufblitzen. Es wird Zeit. Seine Hände suchen Halt an der Bettdecke.
Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, dass ihm keine Zeit mehr blieb.

Hügel aus metallisch glitzerndem Sand. Wie sanft geschwungene Linien gemalt in den stahlblauen Himmel. Weit und breit nichts. Alles gleitet, alles fließt in der flirrenden Hitze. Fußspuren verwehen. Ein Geier kreist über ihm. Aber – oh! – die eiskalte Pracht südlicher Sterne am klaren Nachthimmel, so unfassbar, so überirdisch schön!
Der Schmerz in ihm bäumt sich auf. Schnell, es ist höchste Zeit! Endlich spürt er den kleinen Stich. Morphium überschwemmt seinen Körper..
Für einen Augenblick klärt sich sein Denken. Er öffnet die Augen, sieht über sich die kalkweiß gestrichene Decke des Krankenzimmers
Er wird nicht nach Afrika reisen, wird Afrika nie sehen. Seine Zeit ist abgelaufen. Er schließt die Augen. Sein lebenslanger Traum versinkt im Dunkel.

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Hier gibt es → Afrika-Geschichten

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Eva Markert, Afrika,

Karin Reddemann: Nur dein Butterbrot

Nur dein Butterbrot

© Karin Reddemann

Meine Mutter muss schon recht lange dort am kaputten Jägerzäunchen gestanden haben, das unseren alten Schulhof von der Wilhelminenstraße trennte. Wir hatten Pause, und die Evangelischen spielten in ihrem abgesteckten Bereich im hinteren Teil des Hofes, wo die Kastanien standen, während wir Katholischen uns vorn aufhielten. Das alles war gestern.

Heute sah ich ein weggeworfenes Butterbrot unter der hoch gewachsenen Hecke liegen, die an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule unbekümmert und unbeschnitten wuchert. Musste heulen, konnte immer noch nicht anders, die Tränen schossen mir fast liebevoll und doch nicht gewollt in die Augenwinkel, und verstohlen wischte ich sie mit dem Zeigefinger weg. Sollte keiner sehen, sollte keiner fragen. Ich sentimentales altes Weib, wer hätte mich denn verstanden?

Meine Mutter stand dort am Jägerzäunchen in ihrem hässlichen zerschlissenen braunen Mantel, die Pause war fast vorbei, und ich war so herrlich unbekümmert. Es war Krieg, mein Vater starb vermutlich irgendwo, und wir hatten wenig Gutes zu essen. Aber ich war ein Mädchen mit langen dicken Zöpfen und großen braunen Augen, und ich lachte trotz allem so gern wie es mir vermutlich niemand selig zugestanden hätte. Es gab nichts zu lachen. Meine Mutter war zu dünn und viel zu grau für ihr Alter, ihre Manteltaschen hatten Löcher, und sie trug trotz der lausigen Kälte keinen Schal und keine Handschuhe. Den lustig gepunkteten Schal hatte sie Dieter, meinem kleinen Bruder, gegeben, er mochte ihn nicht, zu mädchenhaft. Die grauen Fäustlinge, die meine Hände nicht ausfüllten, hatte ich. Als ich meine Mutter dort am Jägerzäunchen entdeckte, zögerte ich nur kurz, wirklich nur kurz, dann lief ich hin. Ich war wohl aufgeregt, vermutlich, weil Heimatkunde bald beginnen würde. Ich hatte unseren Bahnhof gemalt, mein Vater hat da irgendwann mal als Stationsvorsteher gearbeitet, das war bevor das alles begann, und ich war stolz und nervös. Und ich war unfreundlich zu meiner Mutter: „Was willst du denn, Mama?“ Ich muss altklug und gereizt geklungen haben, Gott, warum habe sie nicht ganz fest gedrückt?! Meine Mutter stand dort in ihrem hässlichen Mantel mit ihrer hausbackenen Hochsteckfrisur, die nach wenig Zeit, wenig Spiegel aussah, und sie sagte: „Kind, ich wollte dir doch nur dein Butterbrot bringen. Hast du mich denn nicht gesehen?“ Und dann: „Ich steh‘ doch schon so lange hier.“ Nein. Hatte ich nicht. Hatte ich vielleicht auch gar nicht gewollt. Sie sah so arm, so traurig, so derart nach nicht beachtenswert aus, vielleicht hatte ich sie ganz bewusst übersehen. Mein Herz schreit nach ihr, heute, wenn ich an sie denke, aber damals war ich ein hübsches kleines Mädchen mit dem Ansatz frisch erblühender Brüste, und ich wollte dieses Elend nicht mehr. Nicht immer. Nicht fortwährend. Ich war verbockt in meinem Glauben an das Schöne, das Bessere, endlich, bitte, auch für uns, für mich, und meine Mutter … nun, sie war halt meine Mutter. In einem schäbigen Mantel, mit einem verlorenen Gesicht. Eine Mutter, die zu Dieter und mir sagte: „Esst, Kinder, ich hab schon.“ Hatte sie aber nicht. Hatte sie nicht … verzeih mir, wer verzeihen darf. Sie sagte: „Hier, nimm dein Butterbrot. Kind, hast du mich denn wirklich nicht gesehen?“ Und ich nahm dieses Brot, unwillig vermutlich, so als sei sie mir lästig gewesen, diese Mutter, die dort am Jägerzäunchen stand, ohne Schal, ohne Handschuhe, und mich fragte: „Oder schämst du dich für meinen Mantel?“ Ich sagte „Neinnein“, und weiter „Ich muss jetzt in den Unterricht“, und ich rannte los, weg in meine Reihe, umklammerte die Hand von Margot Wiemann, die immer in der Reihe neben mir stand und mich jetzt ratlos ansah, weil sie auf mich gewartet hatte: „Was war denn?“ Ich zuckte mit den Schultern. Egal. Ich sagte: „Nichts. Nur meine Mutter mit meinem Butterbrot.“

Meine Mutter starb kurz nach Kriegsende. Meine Liebe zu ihr, die ich erst spät entdeckt habe, hat sich in mich hineingebohrt und steckt dort, wo sie mich nicht loslassen kann. Dieses Butterbrot, das sie mir gebracht hat, habe ich gegessen. Nicht weggeworfen. Mag man mich für rührselig halten: Dieses eine, das ich heute unter der Hecke gefunden habe, nahm ich auf und verfütterte es an die Enten im Stadtpark. Vielleicht hätte meine Mutter darüber gelächelt? Ich lächle zurück, Mama.

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Buchtipp – Lesetipp – Buchempfehlung
Diese Geschichte findet sich in dem Buch
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Schlüsselerlebnisse
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
ISBN 978-3-9809336-6-7

Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erzählen von Situationen, in denen die Welt in einem anderen Licht erschien.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Butterbrot, Krieg, Hunger, Mutter, Schlüsselerlebnis

Karin Reddemann: Blauauge

Blauauge

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Rosen für MaxIch kannte einen Mann mit großen blauen Puppenaugen. Das ist nicht ungewöhnlich, aber ich schätze grundsätzlich den finsteren, geheimnisvollen Blick. Meiner ist fast schwarz und schwer zu interpretieren. „Typisch sizilianisch“, sagte er, und ich vergaß, ihn irgendetwas zu fragen, vertrieb das mir fremde Blau aus meinem Glauben und versank in seinem Augenzwinkern, das wie eine Welle war. Salzig, stürmisch und herrlich erfrischend … Manchmal hat sie mich auch umgehauen, sie war gewaltig und konnte schmerzen. Aber ich stürzte mich hinein, ohne bereuen zu wollen.

Ich kannte einen Mann, der lachen konnte, mich mit lachen ließ und fragte, wie viele Sterne es gäbe. Ich sagte „Ziemlich viele“, und er sagte, ich hätte zwei vergessen, das wäre keine Bildungslücke. Ich mochte seinen herrlichen Körper, schlank, durchtrainiert. Wirklich gebrauchen konnte er ihn nicht mehr. Zu seinem und meinem Bedauern wurde er schwächer, trotziger, uneinsichtiger. Sein Zorn auf die Krankheit, die ihn labil und wütend werden ließ, wurde mir so vertraut wie alles, was mich in der Dunkelheit tauchen lässt. Ich schnappe nach Luft, strampele, weil ich leben will, gemeinsam mit ihm, vielleicht, irgendwo und irgendwann, aber da ist keine starke Hand, die mich an die Oberfläche zieht.

Gesund habe ich ihn nicht erlebt, von seiner Stärke, die er sich wieder holen wollte, konnte ich nur träumen. Meine Liebe war nicht einfach, aber ehrlich.

Blauauge ging ohne Abschied. In meinen Gedanken gehe ich Hand in Hand mit ihm, ich rieche ihn, atme den Mann, verirre mich mit meinen Fingern in seinen Brusthaaren, die ich liebte, obwohl ich es glatt und nackt mag. Nie bei ihm. Ich wünschte mir, den Blinden sehen lassen zu können. Ich wollte ihn zurück, so, wie er gewesen ist, in einem auswegreichen Nirwana, das doch keinen Platz für mich hat.

Ich liebte diesen Mann, der gern mit mir Hand in Hand gelaufen wäre, so selbstverständlich, wie wir es kennen und glauben, es sei wie der normale Hunger, der gestillt wird zu unserer Zufriedenheit. Der mir von seinen Sternen erzählt und Sand, Salz und die Sonne, die jetzt mein bester Freund ist, geschenkt hätte, ohne etwas dafür zu verlangen. Einmal haben wir zusammen getanzt. Holprig, steif und doch so wunderbar. Ich denke an ihn und weiß, ich werde ihn wiedersehen. Jung, hoffnungsvoll und glücklich, wie ich es erwarte. und ich bin alt und müde. Aber ich erkenne ihn und lächle ihn an. Ich schaue in blaue Puppenaugen, und er schaut scheu an mir vorbei. Dann zwinkere ich ihm zu, und er zwinkert unbeholfen zurück, ohne zu ahnen, warum.

Und ich weiß, dass alles gut war.

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Diese und sechs weitere Geschichten von Karin Reddemann gibt es auch als eBook bei Amazon.
Karin Reddemann: Rosen für Max
Karin Reddemann
Rosen für Max
Dr. Ronald Henss Verlag
eBook Amazon Kindle
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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Blauauge, eBook, Liebe, Liebesgeschichte

Astrid Schulzke: Rote Rosen

Rote Rosen

© Astrid Schulzke

Voller Verwunderung registrierte sie diese Aufmerksamkeit. Rote Rosen, er schenkte ihr rote Rosen!

Ach, so viele, viele Jahre hatte sie vergeblich um seine Aufmerksamkeit gebuhlt. Hatte gewimmert und gefleht, um Zärtlichkeit und Liebe gebettelt. Nur wütend hatte sie ihn damit gemacht. In völligem Unverständnis waren ihr heiße, hitzige Worte entgegen geschmettert worden. Sie hatte sich geschämt, voller Verzweiflung weinend ins Bett gelegt und sich selbst verflucht, für ihre gezeigte Demut.

Das ganze Leben, das Sonnensystem, das Universum, drehte sich ausschließlich nur um ihn. Sie spielte in seinem Leben nur die Rolle der lästigen Schmeißfliege, wenn sie ihn mit eigenen Ansprüchen nervte.

Die meiste Zeit war sie sein Schatten, eifrig bemüht ihm zu Gefallen zu sein. Ihre seltenen Ausbrüche nahm er als unerquickliche Begleiterscheinung mit genervt, gerunzelter Stirn entgegen.

Dabei wäre das Leben ohne sie für ihn sehr viel mühseliger. Wer kümmert sich, in seiner Position, auch schon um solche Nichtigkeiten wie sauberer Wäsche oder bezahlter Rechnungen? Außerdem lauschte sie so willig seinen geistigen Ergüssen, seinen Ideen, die er natürlich selten in die Tat umsetzte.

Rote Rosen, er schenkte ihr rote Rosen.

Sie war wie immer, freundlich und aufmerksam gewesen an diesem Tag. Wie immer, hatte sie seine Launen und Meckereien still ertragen oder sogar noch versucht ihn zu beruhigen, ja sogar Schuld auf sich zu nehmen, die sie nicht trug.

Am Nachmittag kam er mit dem Strauß dunkelroter Rosen ins Haus. Plagte ihn etwa das schlechte Gewissen, zum ersten Mal nach so vielen Jahren?

Ihn anlächelnd nahm sie den prachtvollen Strauß entgegen. Und dann riss sie ganz langsam, Blüte für Blüte von den dunkelgrünen Stängeln. Der Teppich zu ihren Füßen wandelte sich in ein prachtvoll leuchtendes Blütenmeer. Ihr war, als riesele mit diesen roten Blütenblättern ihr Herzblut, ihre geweinten und ungeweinten Tränen auf den Boden.

Erstaunt und sprachlos sah er ihr zu. Sie sah ihn nicht einmal mehr an, als sie den Raum verließ.

Rote Rosen, er schenkte ihr rote Rosen

Ganz aufrecht stand sie auf der Straße, den kleinen Koffer fest in der rechten Hand. Es war ihr nicht mehr wichtig, ob er sie beachtete oder nicht. Er musste ihr nun keine Liebe mehr schenken und auch keine roten Rosen. Sie hatte ihn losgelassen. Sie war frei.

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Kurzgeschichte, Astrid Schulzke, Liebesgeschichte, Liebe, Rosen