Gertrud Scherf: Hüttenzauber

Hüttenzauber

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Spontane Entscheidungen sind mir zuwider. Deshalb wollte ich zunächst auch ablehnen, als Max mich am Telefon fragte. Nein, eigentlich hatte ich keine Lust, das verlängerte Wochen-ende mit ihm, Beate und Freund Reinhard auf einer Berghütte zu verbringen. Der 15. August, Mariä Himmelfahrt, war heuer an einem Freitag, und mir gefiel die Vorstellung, drei Tage für mich allein zu haben.
Überrascht hörte ich mich sagen, dass ich mitkommen würde. Vielleicht hatte ich zugesagt, weil ich mit dem Neinsagen noch immer Probleme habe oder weil ich hoffte, dass Wärme und Licht der späten Hundstage im Gebirge mir Kraft für Herbst und Winter geben würden. Kann auch sein, dass ich mich auf Toni freute, Max’ und Beates freundlichen Schäferhund.
Max schien meine Zusage viel zu bedeuten, wie ich erstaunt und vielleicht auch leicht geschmeichelt feststellte, er wirkte geradezu erleichtert. Mit ihm und Beate verband mich zwar seit Langem eine Freundschaft, die aber stets etwas distanziert geblieben war.
Mit Eifer in der Stimme erzählte Max, dass die Unterneh-mung eine Art Einweihungsfeier sein würde. Die Berghütte war erst vor einigen Monaten von seiner Firma gekauft worden, nein, eigentlich war es keine Hütte, sondern das teilweise erhal¬ten gebliebene Wohngebäude eines Bauernhofs, der einst zu einem kleinen Ort auf etwa 960 m Höhe gehört hatte. Das Ge¬bäude hatte man renoviert, aber es war gelungen, Charakter und Charme zu erhalten. Entstanden war eine recht komfortable Unterkunft, und die konnten die Firmenangestellten für einen geringen Betrag einige Tage mieten. Natürlich gab es Warte¬listen, aber – ich hörte den Stolz in der Stimme meines alten Freundes – die Zuteilung hatte schon auch mit Stellung und Bedeu¬tung in der Firma zu tun.
„Wir haben viel Platz“, sagte Max, „du bekommst selbstverständlich ein Zimmer für dich allein. Ich weiß ja, dass du auf so etwas großen Wert legst.“
Ich murmelte erfreut Zustimmendes und Max fuhr fort: „Allerdings führt keine Autostraße zum Haus. Wir müssen von der Endstation der Seilbahn etwa eine Stunde zu Fuß gehen. Es sind aber keine großen Steigungen zu überwinden.“
In der Hütte befänden sich Getränke und länger haltbare Lebensmittel, denn die Vorräte würden mit Hilfe eines Geländewagens immer wieder aufgefüllt.
„Wir müssen lediglich Brot, Milch, Butter sowie Obst und Gemüse in unseren Rücksäcken mitnehmen. – Beate reicht mir gerade einen Zettel: Kannst du am Dienstag zum Abendessen kommen, dann besprechen wir die Details.“
Beates Abendessen waren berühmt. Auch wenn ich das Gourmet-Getue ein bisschen nervig fand – es schmeckte mir jedes Mal besonders gut. Bei Kürbissuppe mit Räucherlachs und Lammschulter mit zarten jungen Bohnen beratschlagten wir, welche Lebensmittel eingekauft und mitgenommen werden sollten. Beate und Reinhard gaben den Ton an, denn sie wollten das Kochen übernehmen, was mir, und wohl auch Max, nur recht war. Wir beide beschränkten uns darauf, den Über¬schwang der Kochbegeisterten ein wenig zu dämpfen, indem wir zwischendurch darauf hinwiesen, dass wir alles würden in Rucksäcken tragen müssen. Nach einigem Hin und Her waren die Einkaufslisten fertig und wir besprachen, wer welche Lebensmittel besorgen und tragen sollte, wobei sich Max und Reinhard sehr ritterlich zeigten.
Am Freitag trafen wir uns am Parkplatz der Seilbahn-Talstation. Es war ein sonniger Augustmorgen, auf den Wiesen lag leichter Frühnebel, der den Abschied des Sommers ankündigte. Toni begrüßte mich begeistert. Unerschrocken betrat er mit uns die kleine schwankende, nostalgisch wirkende Kabine. Max erklärte, dass die Seilbahn schon über 60 Jahre alt sei, beruhigte uns aber mit dem Hinweis, dass alles dem neuesten Stand der Technik entspreche. Die Bergstation liegt auf knapp 1000 Meter, die Hütte auf 969 Meter Höhe. Ich war froh, dass ich meine festen Wanderstiefel angezogen hatte, denn der Weg war steinig und stellenweise morastig. Aber es gab nur wenige Steigungen und immer wieder boten sich schöne Ausblicke ins Tal. Wir waren zunächst im Schatten gewandert, doch hinter einer Linkswindung des Weges tat sich vor uns, gebreitet in helles Sonnenlicht, eine halbkreisförmig von Bergen umgebene Hochfläche auf.
„Was sagt ihr jetzt?“, fragte Max mit so viel Stolz in der Stimme, als hätte er den Anblick eigens für uns geschaffen. Er deutete hinunter auf das Ziel – die inmitten der grünen Fläche stehende Hütte.

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch/eBook
Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Hüttenzauber, Mariä Himmelfahrt, Signaturen, mysteriöse Geschichte, mysteriös

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