Gertrud Scherf: Heimweg

Heimweg

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Wieder mal kein Taxi da. Das macht die Tageszeit, am frühen Abend wollen die Leute heim oder fort von daheim. Geh ich halt zu Fuß, ist auch nicht schlecht, ich sollt mich eh mehr bewegen, in einer Stunde müsste ich es schaffen. Da kann ich mich von dem Rauch und dem Aromagestank erholen. Ausgerechnet Ylang, aber die Bilder sollten wohl erotisch sein. Sogar Marianne hat das kapiert, weil sie vom untergründig Schwülen schwärmte. Töpfe und Bälle als Gebärmuttersymbole, Messer und Bananen für Penisse – schon toll. Das Gedränge ist hier draußen fast so schlimm wie drinnen. Warum können die Leute nicht ausweichen? Bin ich unsichtbar oder was? Aber ja doch, eng umschlungen und noch dazu mit Kinderwagen, das verleiht Bedeutung, da hat man Vorfahrt. Das grüne Kleid ist chic, kostet auch genug. Der Laden hat noch geöffnet, ich könnte es anprobieren, aber eigentlich mag ich gar nicht. Martina war ja wieder toll rausgeputzt, sie sollte wirklich keine kurzen Röcke tragen. Der Gerd hat jetzt einen Pferdeschwanz und der Rainer auch, dafür trägt der Christian Glatze.
Eigentlich hab ich gar keine Zeit, ich sollte schauen, dass ich heimkomme und mich endlich mit dem Projekt für das neue Schuljahr befassen. Einen Berg Unterlagen hab ich schon beisammen. Die Luft tut gut, riecht nach Herbst. Dass man das sogar hier riechen kann, bei all den Autos und Menschen. Wonach riecht der Herbst? Ein bisschen nach Erde und Blättern und noch nach etwas ganz anderem. In Gersau hat er jedenfalls einen ganz bestimmten Geruch gehabt. Wenn ich genau hinrieche, kann ich ihn sogar hier spüren, aber nur angedeutet und ganz flach. Jetzt muss ich sogar den Mantel aufmachen, so warm ist es.
Da singt eine Amsel, um diese Jahreszeit. Merkwürdig, dass eine Amsel so laut singt. Wo ist sie denn, ich kann sie nicht sehen. Sebastian wird es vermutlich kälter haben oder vielleicht auch nicht. Falls er anruft, frag ich ihn oder vielleicht auch nicht. Vor zehn oder zwanzig Jahren waren die Auslagen in dieser Straße weniger protzig, die Leute haben auch anders ausgesehen, die ganzen Obdachlosen und Bettler hat es nicht gegeben. Wann hat mir Sebastian den Brillantring bei Kruss gekauft, vor 12 Jahren?
Dreißig Schüler und das in einer 7. Klasse. Ich fühl mich heuer gar nicht erholt und jetzt hab ich nur noch eine Woche. Dabei, so ruhige Ferien hab ich schon seit Jahren nicht mehr gehabt. Ruhig war es ja eigentlich nicht, erst die Handwerker und dann jeden Tag was anderes. Warum war ich nach der Woche Schwiegermutter so fertig, sie ist doch wirklich lieb und verständnisvoll. Den Südtirol-Urlaub an Allerheiligen muss ich unbedingt bald festmachen, wenn sich nur Renate und Horst endlich entscheiden würden, ob sie mitfahren. Eigentlich wäre mir lieber, sie würden nicht mitfahren, beim letzten Mal war es schon recht schwierig mit Sebastian und Renate, weil die sich immer an Gescheitsein übertreffen müssen.
Jetzt sticht es wieder. Das muss schon etwas Ernstes sein, wenn es sich nicht gibt. Ist es der Darm oder die Bauchspeicheldrüse? Ich muss daheim gleich nachschauen, ob die Bauchspeicheldrüse so weit links liegt. Morgen meld ich mich beim Ultraschall an. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs geht es schnell dahin.
Ich schau furchtbar aus, der grüne Mantel steht mir überhaupt nicht, warum habe ich mir den gekauft. Was soll ich bloß mit den Haaren machen? Scheußlich so ein Schaufenster mit lauter Spiegeln und nichts drin als fünf Paar Schuhe ohne Preisschilder. Die schwarzen sind nicht schlecht. Ich hab schon genug Schuhe. Das Schlauchkleid mit dem Ausschnitt würde dem Sebastian sicher gefallen. Die vielen gelben Blätter jetzt schon an den Straßenbäumen, dabei ist es erst Anfang September. Groß sind die geworden. Die Lindlhofer Straße ist immer noch schön, das liegt auch an den Bäumen, durch sie stört der Verkehr weniger. Da war doch vor einiger Zeit noch eine Bäckerei drin, da hab ich einmal Semmeln gekauft, die waren sogar gut, und jetzt ist da ein Drogeriemarkt. Warum hab ich gerade da Semmeln gekauft, das weiß ich nicht mehr.
Diesmal lass ich mir keine zwei Nachmittage in der Woche aufhängen. Wenn der Forster so geplant hat, diesmal wehr ich mich. Diesmal muss ich es schaffen, und auch, dass er mir nicht wieder die ganzen Vertretungen überlässt. „Sie wissen genau, dass ich immer einspringe, wenn es brennt, ich mach immer klaglos alle Vertretungen, aber ich sehe überhaupt nicht ein, dass ich drei Jahre hintereinander zwei Unterrichtsnachmittage habe. Das kann jetzt auch mal jemand andern treffen.“

… wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie im dem Buch/eBook
Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Heimweg, Bauchspeicheldrüse, Ultraschall, Signaturen, mysteriöse Geschichte, mysteriös

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